Thrive Spaces: Recht entwickeln statt flicken
Warum Reformen von oben nicht reichen und welche Räume Jurist:innen brauchen
VIELE REFORMEN, WENIG FORTSCHRITT
Im Recht wird seit Jahrzehnten reformiert, digitalisiert, nachjustiert. Vieles ist sinnvoll und überfällig. Oft entsteht jedoch der Eindruck: Hier wurde nur notdürftig geflickt und mit neuen Vorschriften gestrichen. Keine Frage, Bauen im Bestand ist anspruchsvoll. Ohne Gesamtkonzept bleibt das Gebäude sanierungsbedürftig.

Dass eine umfassende Kernsanierung notwendig wäre, wissen auch die Gesetzgeber:innen. Sie verkaufen pompös angekündigte Gesetzesänderungen und „Reformpakete“ als wesentlich größer und disruptiver als sie sind. Wie viel davon fühlt sich für uns Jurist:innen wirklich innovativ an? Der Eindruck ist oft eher fade. Wie soll sich der angebliche Wandel innovativ anfühlen, wenn er als (hoffentlich zumindest elektronische) Verwaltungsakte daherkommt?
Es braucht den Mut zu fragen: Wie soll das Haus zukünftig aussehen? Welchen Anforderungen muss es gerecht werden? Im Klartext: Welche Form von Recht, Justiz und anwaltlicher Arbeit passt ins Jahr 2026 und darüber hinaus?
„Wie soll sich der angebliche Wandel innovativ anfühlen, wenn er als Verwaltungsakte daherkommt“
Transformationsliteratur im Rechtsmarkt1Madeleine Bernhardt, Leading Transformation in Law Firms, 2026. beschreibt Strategien, Strukturen und Führung. Die praktische Frage: Wie umsetzen? Entwicklung setzt Denkprozesse voraus. Und wo sind die Räume hierfür? Genau hier setzen Thrive Spaces an.
WIE INNOVATIV IST EIN RAUM VOLLER CHRISTIANS?
Ein Innovationskiller ist die Homogenität unseres Berufsstandes: Die deutsche Rechtswissenschaft und -praxis ist strukturell weniger divers als die Gesellschaft.2Michael Grünberger, Anna Kaharina Mangold, Nora Markard, Mehrdad Payandeh, Emmanuel V. Towfigh, Diversität in Rechtswissenschaft und Rechtspraxis, 2021. Die AllBright Stiftung zeigte 2025: In großen Kanzleien sind Frauen unter den Associates fast zur Hälfte vertreten, aber unter Partner:innen nur noch im unteren zweistelligen Bereich. Der „typische Kanzleipartner“ ist männlich, ohne Migrationsgeschichte, promoviert und stets verfügbar:3Allbright Stiftung, Augen auf bei der Partnerwahl, Frühjahrsbericht 2025. das „Christian-Prinzip“. Auch die soziale Schließung der Anwaltschaft ist erforscht:4Butt, Asif: Neue Dynamiken in Wirtschaftskanzleien – Soziale Herkunft, Generationen und Führung im Wandel, Whitepaper September 2025. Top-Kanzleien rekrutieren überdurchschnittlich aus privilegierten Herkunftsmilieus, Aufstieg erfolgt über Zugehörigkeitscodes.
„Wer aussieht wie alle, denkt wie alle. Raum für Innovation, Kreativität und neue Perspektiven fehlt“
Wenn alle im Raum ähnliche Hintergründe und Biografien teilen, ist das zwar bequem, nennenswerte Reibung entsteht nicht. Wer aussieht wie alle, denkt wie alle. Raum für Innovation, Kreativität und neue Perspektiven fehlt.
Wer vom Status quo profitiert, hat wenig Interesse an Veränderung. Wozu Disruption, Fortschritt, Wandel, wenn es für mich funktioniert? Hier beginnt der Innovationsstau. Im Alltag zeigt sich das an überhörten Perspektiven, verdrängten Störgefühlen und Ideen, die als unrealistisch ad acta gelegt werden.
WER BRINGT SICH AKTIV EIN, WER HÖRT ZU?
Wer einmal auf einer Party allein am Rand stand, weiß: Sich im selben Raum zu befinden, heißt nicht dazuzugehören. Wird Musik gespielt, die dir gefällt? Werden deine Musikwünsche berücksichtigt? Tanzt du?
Nur weil dein Name auf dem Briefkopf steht, gehörst du nicht automatisch dazu. Du kannst auf der Website stehen, Mandate bearbeiten, am Richter:innenpult sitzen und dich trotzdem anders fühlen. Spätestens wenn deine Meinung als nicht mehrheitsfähig gilt und dein Artikel nicht erscheint, zeigt sich möglicherweise: Die herrschende Meinung basiert nicht immer auf den besseren Argumenten, sondern auch darauf, wer sie vertritt.
Besonders sensibel ist das für Anwält:innen, Menschen mit Migrationsgeschichte, Erstakademiker:innen, queer gelesene Personen, erziehende und pflegende Menschen. Viele wurden während ihrer Bildungs- und beruflichen Laufbahn unterschätzt. Nicht zuletzt wegen der zusätzlichen Hürden, die sie überwunden haben, sind sie oft besonders leistungsfähig, resilient und fleißig. Aber sie bleiben oftmals leise. Sie wählen Worte vorsichtiger, dosieren Kritik und teilen Ideen nur in sicheren Räumen (und das ist aus Sicht dieser Mitarbeitenden oftmals weder das Partnerbüro noch HR, mag die Tür noch so offenstehen). Leise sein als Selbstschutz.
Auf der anderen Seite braucht es Menschen, die unvoreingenommen zuhören. Zuhören ist eine zentrale juristische Kompetenz, das wissen wir zum Beispiel aus der Zeug:innenvernehmung. Zuhören ist mehr, als Sachverhalte zu erfassen. Es heißt Menschen wahrzunehmen und Kontext zu verstehen. Wenn gut zugehört wird, kommen Daten ans Licht, die zeigen, wo im System etwas nicht stimmt – sofern das gewollt ist.
Jurist:innen lösen Probleme mit dem traditionellen Werkzeugkasten: Analyse, Dogmatik, Verfahren. Das ist solide und wichtig. Aber frei nach Albert Einstein lassen sich viele Themen der Gegenwart nicht auf der Ebene lösen, auf der sie entstehen.
Transformationsforschung zeigt: Erfolgreiche Kanzleitransformation wirkt auf drei Ebenen: Organisation, Team, Individuum. Der menschliche Faktor ist entscheidend. Wenn dieser keinen Raum hat, braucht es neue Orte.
WAS IST EIN THRIVE SPACE – UND WAS PASSIERT DORT?
Ein Thrive Space ist genau dieser Ort. Er liegt eine Ebene „über“ dem Tagesgeschäft. Er ergänzt den klassischen juristischen Arbeitsraum und ermöglicht strategisches Denken. Er nimmt die Scheuklappen des „Das haben wir schon immer so gemacht“. Ein professioneller Reflexionsraum für Themen, die zwischen Frist, Mandantentermin und Aktenstapel keinen Platz finden: Sinnverlust, Imposter-Gefühle, Überforderung, Teamkonflikte, Kommunikationsmuster, Diskriminierungserfahrungen, Zugehörigkeitsfragen. Hier entwickeln wir Ideen für zeitgemäße, menschenzentrierte Praxis.
Wer innovativ sein will, muss neue Erkenntnisse gewinnen und Ideen entwickeln: Was erlebe ich? Was bedeutet das für mich und für die Organisation? Welche Muster ziehen sich durch? Was wäre eine andere Möglichkeit? Ziel ist, die eigene Gestaltungsmacht zurückzugewinnen.
WIGOTYU: EINE PARTNERIN, DIE DAS SYSTEM KENNT
wigotyu ist Ombudsstelle und juristischer Think Tank. Entstanden aus dem Eindruck: Es gibt viele Orte für Fälle, aber erstaunlich wenige Orte für Ursachen und Lösungen.
Erfahrungen aus Gericht und Kanzlei zeigen: Fragen wie „Führt uns das, was wir hier tun, noch in die gewollte Zielrichtung?“ blitzen hier und da kurz auf, gehen aber im Alltag unter. Um das große Ganze im Blick zu behalten, braucht es Raum. Als externe Dienstleisterin ist wigotyu frei von organsationsinternen Machtdynamiken und festgefahrenen Abläufen, mit neutraler Perspektive von außen.
wigotyu versteht sich als Partnerin für Anwaltschaft, juristische Institutionen und Hochschulen. Themen werden nach rechtsanwaltlichen Standards vertraulich behandelt. Mit Einverständnis können Erkenntnisse in die Organisation zurückgespiegelt und weiße Flecken sichtbar gemacht werden. Das, was im Office nicht offen gesagt wird, fiindet im Thrive Space Gehör und führt zu konkreten Verbesserungen.
Im Fokus stehen die Themen Arbeit, Verantwortung, Sinn, Gestaltungsspielraum. Ansprechpartner:innen sind Jurist:innen sowie ausgebildete Coaches und Mediator: innen. Sie schaffen Raum für kritisches Hinterfragen und innovative Lösungen.
WENN DAS RECHT SEIN „WARUM“ VERGISST
Jurist:innen sind Weltmeister im Begründen. Wir begründen Urteile, Entscheidungen, Schriftsätze. Wir fragen nach Sinn und Zweck von Normen, legen teleologisch aus. Aber wann fragen wir nach dem Sinn und Zweck unseres eigenen Tuns? Wo prüfen wir, ob das, an dem wir arbeiten auch langfristig sinnvoll ist?
Diese Fragen stellen sich nicht nur in Kanzleien und Gerichten. Lehrer:innen, Ärzt:innen und Pflegekräfte kennen das Gefühl, in einem System zu arbeiten, das dringend eine Frischzellenkur bräuchte, in dem jedoch nur an Einzelteilen herumgedoktert wird. Wer sich nicht mehr identifizieren kann, geht. Die Ironie: Genau die Menschen, die gehen, wären entscheidend für echten Fortschritt.
BOTTOM-UP: WANDEL BEGINNT IM EIGENEN RADIUS
Statt auf die große, vermutlich nie stattfindende Systemreform zu warten, können wir selbstverantwortlich eigene Gestaltungsspielräume nutzen: Entwicklung von innen, bottom-up. Jurist:innen, die mutig Fragen stellen. Teams, die es wagen, über Zugehörigkeit, Kultur und Muster zu sprechen. Organisationen, die aktiv dafür Raum schaffen.
Wer im eigenen Wirksamkeitsradius aktiv wird, erzeugt unmittelbar sichtbaren Fortschritt. Die „Aussitz“- Kultur kostet – menschlich, fachlich, wirtschaftlich. Wer wettbewerbsfähig bleiben will, muss sich verändern. Wer im Status quo verharrt, wird abgehängt. Thrive Spaces sind eine greifbare und niedrigschwellige Maßnahme, mit der wir konkrete Schritte in Richtung Innovation und Fortschritt machen können. Lasset die Kernsanierung beginnen.
- 1Madeleine Bernhardt, Leading Transformation in Law Firms, 2026. ↩︎
- 2Michael Grünberger, Anna Kaharina Mangold, Nora Markard, Mehrdad Payandeh, Emmanuel V. Towfigh, Diversität in Rechtswissenschaft und Rechtspraxis, 2021. ↩︎
- 3Allbright Stiftung, Augen auf bei der Partnerwahl, Frühjahrsbericht 2025. ↩︎
- 4Butt, Asif: Neue Dynamiken in Wirtschaftskanzleien – Soziale Herkunft, Generationen und Führung im Wandel, Whitepaper September 2025. ↩︎

