Wenn das Recht den Bleistift in die Hand nimmt – Philipp Heinisch mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt
Ein Porträt des Juristen, Künstlers und scharfsinnigen Beobachters, der seit Jahrzehnten sichtbar macht, was Recht mit Menschen macht – und Menschen mit dem Recht

Prof. Dr. Mandy Risch-Kerst | Fachanwältin im Gewerblichen Rechtsschutz und Fachanwältin im IT-Recht | Dozentin sowie Gründerin der Kanzleikooperation Eventlawyers | www.eventlawyers.de

EIN MONTAG, DER BLEIBT
Es war ein besonderer Montag, nämlich der 27. Juli 2026, an dem im Nordsternsaal der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz die Staatssekretärin Susanne Hoffmann Philipp Heinisch den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland feierlich überreichte. Der Raum war festlich mit Blumen geschmückt. Familie, Freunde und Weggefährten aus Anwaltschaft, Richterschaft und Kunst waren zusammengekommen, um einen Menschen zu würdigen, dessen Arbeit viele von ihnen über Jahre begleitet hat. Ich war an diesem Montag dabei – als Teil des Publikums und als jemand, der Philipp Heinisch bereits als thüringische Referendarin auf einer Vernissage in einer Kanzlei in Berlin kennenlernen durfte.
Die Auszeichnung galt einem Lebenswerk, das sich einer einfachen Einordnung entzieht. Philipp Heinisch ist Jurist und Karikaturist, ehemaliger Strafverteidiger und genauer Chronist der Rechtskultur. Gerade aus dieser doppelten Perspektive bezieht seine Arbeit ihre unverwechselbare Kraft für uns Juristinnen und Juristen als Betrachter seiner Werke.
VOM PLÄDOYER ZUR ZEICHNUNG
Heinischs Weg beginnt mit dem Recht selbst. Sein erstes juristisches Staatsexamen legte er in Freiburg ab, das zweite Staatsexamen in München. Anschließend arbeitete er als Strafverteidiger in Berlin, unter anderem im Schmücker-Prozess, einem Verfahren, das sich über fast 600 Verhandlungstage erstreckte. Wer ein solches Verfahren über Jahre begleitet, lernt die Justiz nicht nur in ihren großen Entscheidungen kennen. Er erlebt ihre Rituale, ihre Sprache, ihre Pausen, ihre Spannungen – und die menschlichen Zwischentöne, die in keiner Akte vollständig zu finden sind.
Nach 15 Jahren Anwaltschaft gab Philipp Heinisch seine Zulassung zurück. Was sich änderte, war das Werkzeug; was blieb, war der Gegenstand. Aus dem Plädoyer wurde die Zeichnung. An die Stelle des Parteivortrags trat die Skizze, an die Stelle der unmittelbaren Verteidigung die genaue Beobachtung. Heinisch wandte sich fortan mit großer Konsequenz der Karikatur zu – und damit weiterhin dem Recht, der Justiz und den Menschen, die beide prägen.
Das ist kein Ausstieg aus der Rechtswelt, sondern eine Veränderung des Blickwinkels. Heinisch kennt den juristischen Betrieb von innen und betrachtet ihn zugleich von außen. Er weiß, wie ernst ein Verfahren sein kann, ohne deshalb die Komik seiner Situationen zu übersehen. Und er weiß, dass Schlagfertigkeit in der Justiz nicht gegen sie gerichtet sein muss. Manchmal ist sie die freundlichste Form, ihr den Spiegel vorzuhalten.
MIT WENIGEN STRICHEN AUF DEN PUNKT
Seine Karikaturen leben von präziser Beobachtung, feinem Humor und einem ausgeprägten Gespür für Charaktere. Mit wenigen Strichen macht Philipp Heinisch juristische Rituale, typische Sprachwendungen, Körperhaltungen und menschliche Eigenheiten sichtbar. Ein Blick, eine Geste, ein zu energisch geführter Zeigefinger oder die kleine Verzögerung vor dem entscheidenden Satz können bei ihm genügen, um eine ganze Szene zu erzählen.
Dabei ist seine Kunst nie bloß ein Spiel mit Äußerlichkeiten. Sie fragt, wie wir Recht sehen, als Berufsstand, als Institution und als Gesellschaft. Die Zeichnung nimmt den juristischen Alltag ernst, gerade indem sie ihn nicht vor der Ironie schützt. Juristinnen und Juristen erkennen sich darin wieder –, gelegentlich ertappt, meist amüsiert und nicht selten mit jenem Schmunzeln, das entsteht, wenn eine treffende Beobachtung zugleich wahr und wohlwollend ist.
„Was sehen wir, wenn wir auf das Recht schauen – und was sieht das Recht, wenn es auf uns zurückblickt“
Zu dieser Arbeit gehört eine lange, kontinuierliche Praxis. Von 1988 bis 2025 zeichnete Heinisch für seinen eigenen Juristenkalender. Seit 1997 gestaltet er monatlich die Titelkarikatur des Berliner Anwaltsblatts. Hinzu kommen Buchveröffentlichungen und Ausstellungen, in denen sich seine zeichnerische Auseinandersetzung mit Recht und Justiz in unterschiedlichen Zusammenhängen zeigt. Sein Buch „Sehe ich Recht?“ versammelt rund 200 Arbeiten und bündelt damit eine Frage, die sein gesamtes Schaffen durchzieht: Was sehen wir, wenn wir auf das Recht schauen – und was sieht das Recht, wenn es auf uns zurückblickt?
DER WIEDERKEHRENDE SPIEGEL DES BERLINER ANWALTSBLATTS
Für das Berliner Anwaltsblatt sind Heinischs monatliche Karikaturen längst mehr als eine Illustration. Sie sind ein wiederkehrender Spiegel und ein eigenständiger Bestandteil der anwaltlichen Publikationskultur. Monat für Monat treten sie in einen stillen Dialog mit den Texten, die das Heft prägen. Mit rechtspolitischen Debatten, beruflichen Selbstverständlichkeiten, institutionellen Ritualen und den kleinen Absurditäten des Kanzlei-, Gerichtsund Gesetzgebungsalltags überrascht er uns monatlich in seinen Werken für das Berliner Anwaltsblatt.
Dass die Bundesrechtsanwaltskammer sein Lebenswerk 2022 mit dem ersten Sonderpreis ihres Karikatur- Preises würdigte, war deshalb folgerichtig. Die Auszeichnung galt nicht nur einer einzelnen Zeichnung und auch nicht bloß einer langen Liste von Veröffentlichungen. Sie galt einer eigenständigen Form, juristische Wirklichkeit zu dokumentieren, zu befragen und für einen Augenblick aus einer anderen Perspektive sichtbar zu machen. Die Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland würdigt damit ein Lebenswerk, das nicht laut auftreten muss, um nachhaltig zu wirken.
Herzlichen Glückwunsch, lieber Philipp Heinisch, dazu und vielen Dank, dass ich dich schon so lange kennen und begleiten darf auf diesem außergewöhnlichen Weg. Du bist mir ein großes Vorbild, weshalb ich so stolz bin, dass du mit deinen Kunstwerken den JURISTA CUP und deren Gewinner jährlich honorierst.
Bleibe bitte, wie du bist –, energisch, jugendlich im Geist, unermüdlich und vor allem streitbar.







