Abschiedsinterview mit Oberstaatsanwalt Dr. Rüdiger Reiff, Leiter der Amtsanwaltschaft Berlin

„Es war auf alle Fälle die richtige Entscheidung, Staatsanwalt zu werden“

Die Amtsanwaltschaft Berlin ist bundesweit einzigartig in ihrer Struktur: Als eigenständige Behörde, neben der Berliner Staatsanwaltschaft, übernimmt sie die Verfolgung einfacher und mittelschwerer Kriminalität – insbesondere im Bereich der Massenverfahren, etwa bei Verkehrsstraftaten, Diebstahl und Körperverletzung. Mit ca. 100 Amtsanwältinnen und Amtsanwälten ist sie personell und sachlich deutlich größer aufgestellt als vergleichbare Einheiten in anderen Bundesländern, wo die Aufgaben meist innerhalb der Staatsanwaltschaften mitgeführt werden. Seit dem Mai 2020 leitete Dr. Rüdiger Reiff (67) die Amtsanwaltschaft Berlin als Behördenleiter. Zum 1. September 2025 tritt er in den Ruhestand. Das Berliner Anwaltsblatt sprach mit ihm über seine Arbeit, Entwicklungen im Strafverfahren und die Zukunft der Strafverfolgung.

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Eingangsportal des Kriminalgerichts in Berlin-Moabit
Dr. Rüdiger Reiff, Oberstaatsanwalt

Herr Dr. Reiff, Sie gehen nach mehr als vier Jahrzehnten im Justizdienst in den Ruhestand. Wie blicken Sie zurück?

Nur positiv. Auch wenn ich anfangs nicht wusste, was genau auf mich zukommt. Es war auf alle Fälle die richtige Entscheidung, Staatsanwalt zu werden. Ich habe einen Beruf ausgeübt, in dem ich meine Entscheidungen allein anhand sachlicher, ausschließlich an den Gesetzen orientierter Kriterien treffen konnte, frei von Einflüssen jedweder Art. Interessen anderer haben für mich niemals eine Rolle gespielt. Ich war mit mir immer im Reinen. „Ich war mit mir immer im Reinen“

Welche Stationen waren für Sie besonders prägend?

Geprägt haben mich meine Zeit als Staatsanwalt bei Kap, aber vielleicht noch mehr die als Pressesprecher. Denn da habe ich die Strafverfahren gegen Mitglieder des Politbüros der ehemaligen DDR wegen ihrer Mitverantwortung für die Mauertoten an der innerdeutschen Grenze medial begleitet. Das war Geschichte pur. Im Übrigen habe ich den ganz überwiegenden Teil meiner Laufbahn mit Wirtschaftskriminalität und der Bekämpfung von Korruption verbracht, was meine Arbeit natürlich am meisten beeinflusst hat.

Sie haben ein E-Learning-Tool „Compliance für den öffentlichen Dienst“ entwickelt. Worum geht es da?

Das Tool ist über den digitalen Zugang der Verwaltungsakademie zu erreichen und steht seit November 2024 allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes in Berlin zur Verfügung. Sie werden durch mehrere Fallgestaltungen geführt, bei denen es um Fragen geht, mit denen sie immer wieder konfrontiert werden: Ist die Annahme einer Schachtel Pralinen erlaubt? Wie sieht es aus mit der Flasche Wein nach einem Vortrag oder dem Blumenstrauß für die Lehrerin nach Abschluss des Schuljahres. Hier herrscht große Unsicherheit. Der Kurs soll helfen, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie man sich verhalten soll, wenn sich jemand mit einer Aufmerksamkeit bedanken will: Ist da jemand höflich oder verknüpft da jemand den Vorteil mit Erwartungen?

Seit 2020 leiten Sie die Amtsanwaltschaft Berlin. Welche Akzente konnten Sie setzen?

Mir war es von Anfang an wichtig, die Arbeitslast meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Aus diesem Grund habe ich veranlasst, dass Rechtsreferendarinnen und -referendare nicht mehr, wie bisher, ausschließlich für die Staatsanwaltschaft in die Sitzung gehen, sondern auch für die Amtsanwaltschaft. Darüber hinaus habe ich mit meinem Team versucht, Verfahrensabläufe zu optimieren. Wir haben deshalb zum Beispiel die Abläufe zur Eintragung neuer Verfahren so umgestellt, dass das Risiko von Eintragungsresten so gering wie möglich gehalten wird.

In Ihrer Rede zur 75-Jahr-Feier der Amtsanwaltschaft am 4. Juli 2025 haben Sie gesagt, die Amtsanwaltschaft leiste einen wichtigen Beitrag zum Rechtsfrieden in der Stadt. Was haben Sie damit gemeint?

Wir bearbeiten hauptsächlich Delikte der Alltagskriminalität. Dazu gehören Taschendiebstähle, Ladendiebstähle, Beleidigungen, Bedrohungen, Nötigungen, Körperverletzungen oder Nachbarschaftsstreitigkeiten, Kellereinbrüche und Parkplatzschäden. Da wir alle von solchen Straftaten betroffen sein können, ist es wichtig, diese Verfahren ernst zu nehmen und zügig zu bearbeiten. Und wir sind schnell. Über 70 Prozent unserer Verfahren erledigen wir innerhalb eines Monats. 20 Prozent innerhalb der ersten drei Monate. Monatlich erheben wir durchschnittlich um die 2000 Anklagen und Strafbefehle. Und genau durch diese Arbeit, durch die Bearbeitung von Delikten, die uns alle betreffen, also die gesamte Berliner Bevölkerung, leistet die Amtsanwaltschaft einen wichtigen Beitrag zum Rechtsfrieden in dieser Stadt.

Was zeichnet die Amtsanwaltschaft Ihrer Meinung nach aus?

Wenn ich neue Mitarbeiter in der Amtsanwaltschaft begrüße, sage ich ihnen immer, auch in aller Deutlichkeit, dass hier viel zu tun ist, sehr viel, sie sich aber trotzdem wohl fühlen werden. Denn das größte Pfund der Amtsanwaltschaft ist der Zusammenhalt. In den Abteilungen herrschen eine Arbeitsatmosphäre und ein Betriebsklima, das von Respekt, Hilfsbereitschaft, Offenheit und echter Herzlichkeit geprägt ist. Klar, auch wir sind kein Ponyhof, auch bei uns gibt es Reibereien und Konflikte. Aber grundsätzlich haben wir in den einzelnen Abteilungen enge Gemeinschaften, Kolleginnen und Kollegen, die sich gegenseitig unterstützen und gegenseitig helfen. Und das unter Rahmenbedingungen, die alles andere als leicht sind.

Was meinen Sie damit?

Täglich gehen hier bis zu 1000 neue Bekannt-Sachen und weitere 1000 Unbekannt-Sachen ein. Konkret bedeutet das, dass ein Dezernent pro Monat durchschnittlich 250 neue Bekannt-Verfahren, 400 neue Unbekannt-Sachen und ca. 30 neue OWi-Verfahren bearbeitet. Nochmal: im Monat, nicht im Jahr. Und damit ist es ja nicht getan. Hinzu kommt die Abwicklung geschlossener Dezernate, die Vertretung anderer Dezernenten, die sich im Urlaub befinden oder krank sind, und obendrauf geht es noch 1- bis 2-mal in der Woche in die Sitzung. Mir ist es ein Rätsel, wie unsere 100 Dezernenten diese Arbeitslast bewältigen. Nicht umsonst stehen uns nach Pebb§y, also der bundeseinheitlichen Personalbedarfsberechnung, 137 Stellen zu.

Diese Arbeitslast tragen auch Ihre Folgedienste.
Ganz genau. Diese Last trifft auch die Geschäftsstellen, meine Verwaltung und die Wachtmeister. Diese Mitarbeiter verwalten einen Bestand von ca. 1 Million in Umlauf befindlicher Akten. Und wenn sich ein Geschädigter nach drei Monaten nach dem Stand seiner Anzeige erkundigt, wird diese Anfrage punktgenau der richtigen Akte zugeordnet und dem zuständigen Dezernenten vorgelegt, der die Anfrage dann beantwortet. Das ist eine Organisation, die mich immer wieder aufs Neue fasziniert. Deshalb bezeichne ich die Folgedienste auch lieber als Logistikabteilungen. Dass sie keine Frist versäumen und keine Akte verlorengeht, ist für mich eine logistische Meisterleistung. Dies umso mehr, als die Arbeit, die im vergangenen Jahr von 96 Mitarbeitern erledigt wurde, nach Pebb§y mit 240 Stellen berechnet ist.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die nächsten Jahre?

Die größte Herausforderung ist die Einführung der E-Akte. Seit Ende letzten Jahres hat dieses Projekt mächtig an Fahrt aufgenommen, die organisatorischen Voraussetzungen sind geschaffen, unsere Schulungen sind fast durch und an der erfolgreichen Einführung wird mit Hochdruck gearbeitet. Und die Zukunft betrifft ja nicht nur unsere Akten, sondern unsere Arbeitswelt insgesamt. Ich sage nur Homeoffice, das wir eingeführt haben und das unseren Arbeitsalltag erleichtert. Die in diesem Zusammenhang diskutierten Begriffe wie „New Work“, „Open Space“ oder „Desk Sharing“ sind andererseits auch wieder Begriffe, bei denen nicht jeder gleich vor Freude in die Luft springt. Aber auch hier bin ich sicher: Wir werden unseren Weg finden.

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung?

Die Verteidigung ist ein zentrales Element des rechtsstaatlichen Verfahrens. Auch wenn wir als Amtsanwaltschaft objektiv arbeiten und deshalb auch entlastendes Beweismaterial berücksichtigen, ist die Verteidigung zusätzlicher Garant dafür, dass die Interessen der Beschuldigten gewahrt werden. Das ist ein wesentlicher Bestandteil des Rechtsstaats und das ist auch gut so. Im Endeffekt sitzen wir im selben Boot. Denn beide suchen wir nach der Wahrheit und einem gerechten Urteil. Und deshalb ist das Verhältnis zwischen Amtsanwälten und Verteidigern in aller Regel von Achtung und gegenseitigem Respekt geprägt. Manchmal entwickeln sich – wie das bei mir der Fall gewesen ist – auch freundschaftliche Beziehungen, besonders dann, wenn der Umgang miteinander als fair empfunden wird.

Was wünschen Sie Ihrer Nachfolge in der Amtsanwaltschaft Berlin?

Ich wünsche meiner Nachfolgerin, dass die E-Akte so geräuschlos und unproblematisch wie möglich eingeführt werden wird. Damit meine ich nicht nur die technische Seite, sondern auch die menschliche. Den Mitarbeitern muss die Zeit gegeben werden, die sie brauchen, um sich mit dem neuen System zu befassen und vertraut zu machen. Im Übrigen wünsche ich meiner Nachfolgerin, dass die hohen Bearbeitungszahlen zurückgehen. Denn 250 neue Bekanntsachen im Monat sind durch die Mitarbeiter auf Dauer nicht zu leisten. Jeder Motor, der ständig im roten Bereich gefahren wird, geht früher oder später kaputt. Das darf nicht passieren. Und persönlich: Was kommt nach dem 1. September 2025? Ich schaue mir alle Spiele von Hertha BSC an. Na gut, das habe ich auch schon vorher gemacht, also ist das jetzt keine große Veränderung. Ich werde mir aber auf alle Fälle mehr Heimspiele im Olympiastadion ansehen und hoffe, dass dabei mehr Heimsiege rausspringen als letzte Saison. Und dann habe ich zuletzt wieder meine beiden E-Gitarren aktiviert und werde wie in den 80ern als Frontman der Rockgruppe „Frontal“ die Gitarrenriffs von Smoke on the Water oder Paranoid von Black Sabbath – RIP Ozzy Osbourne – rauf- und runterspielen. Und zwar so lange, bis entweder meine Nachbarn oder meine Frau mir sagen, lass es gut sein mit diesem Krach. Darauf freue ich mich.

Herr Dr. Reiff, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Heft 10 | 2025 | 74. Jahrgang