Auf zu neuen Ufern: KI gestaltet den Rechtsmarkt

Bilanz des 2. Deutsch-Spanischen Rechtsdialogs am 27. Juni 2025 in Madrid

Nach dem erfolgreichen Auftakt 2023 auf Mallorca, bei dem Green-Mobility-Mandate, grenzüberschreitende Steuerund Erbfragen sowie der Erhalt von Fachkräften durch authentische Kommunikation im Mittelpunkt standen, setzte der 2. Deutsch-Spanische Rechtsdialog die Diskussion in Madrid fort. Eingeladen hatten der DAV Spanien und die Arbeitsgemeinschaft Internationales Wirtschaftsrecht.

Claudia Philipp | Rechtsanwältin & Kommunikationsexpertin | innerjourneys-pro.de | claudia-philipp.de
Empfang in der Deutschen Botschaft in Madrid, mit Botschafterin Maria Margarete Gosse

Die rund zwei Dutzend Teilnehmenden aus beiden Ländern erlebten kompakte Fachvorträge, interaktive Workshops und offene Fragerunden. Ein Empfang in der Deutschen Botschaft verlieh dem Austausch einen festlichen Rahmen und ebnete neue Netzwerke. Termin und Ort der dritten Auflage sollen 2026 bekanntgegeben werden.

VOM PILOTPROJEKT ZUR KANZLEI-POLICY

Gleich zu Beginn machte Dr. Nadine Lilienthal deutlich, dass künstliche Intelligenz in Kanzleien längst mehr ist als ein nettes Gimmick für Schriftsatzentwürfe.

Sie zeigte, wie ein klar strukturiertes Playbook zunächst einfache Anwendungen wie Übersetzungen oder Textbausteine einführt und danach höhere Stufen erklimmt, etwa Contract-Checker, die Risiken automatisch markieren. Ihre Kernbotschaft, die vom Plenum überwiegend geteilt wurde: „Kanzleien, die bis 2026 keine KI einsetzen, verlieren Wettbewerbsfähigkeit“.

Als Beispiel präsentierte sie eine App, die sie mit einem KI-Tool selbst entwickelt hat, um den Status von Freelancer-Verträgen hinsichtlich Scheinselbständigkeit zu prüfen und Ampelhinweise zu geben.

„KI-Tools zur Beantwortung von Rechtsfragen gehören in anwaltliche Hände“

Lilienthal warnte allerdings vor ungezügeltem Doit- your self-Einsatz: „KI-Tools zur Beantwortung von Rechts fragen gehören in anwaltliche Hände.“

RA-MICRO: DATENSCHUTZ UND DIGITALE ASSISTENZ

René Kurtkowiak und Simone Krämer stellten zwei neue RA-Micro-Module vor. Das erste anonymisiert Dokumente DSGVO-konform, indem es Personen-, Kontound Firmendaten über ein Named-Entity-Recognition- Modell zuverlässig schwärzt für die KI-Nutzung und es „entschwärzt“ für den anschließenden Gebrauch.

Das zweite nutzt einen Video-Avatar, der Arbeitszeiten erfasst, Aktenzeichen laut vorliest und die Aufzeichnung ver schlüsselt ablegt – ein vollständig digitales Zeiterfassungssystem, das sich in vorhandene Kanzleiabläufe einfügt.

Beide Referent:innen betonten, dass Effizienz und Datenschutz kein Widerspruch seien, solange alle Schritte von vornherein in eine integrierte KI-Lösung eingebunden werden und die BRAK-Leitlinien eingehalten werden. „Compliance ist kein Bremser, sondern Garant für Mandantenvertrauen.“

HARVEY: MASSENANALYSE IM DUE-DILIGENCE-MODUS

Anschließend demonstrierte Gonzalo Harvey, wie sein domänenspezifisches System bis zu zweitausend Verträge gleichzeitig hochlädt, jede Datei nach Change-of- Control-Klauseln oder anderen Due-Diligence-Kriterien durchsucht und die Ergebnisse als farbige Heat Map ausgibt. Ein reales Pilotprojekt habe die Prüfzeit von fünf Tagen auf elf Stunden reduziert und die Kosten um vierzig Prozent gesenkt.

Damit ersetzt Harvey nicht den Menschen, sondern nimmt Associates zeitraubende Routine ab und schafft Raum für juristische Bewertung – vorausgesetzt, Mandantengeheimnis und Speicherort bleiben unter anwaltlicher Kontrolle.

KI ALS KULTURVERSTÄRKERIN

Claudia Philipp verschob den Fokus von Technik hin zu Kultur. Automatisierung könne zwar entlasten, aber auch einen „mentalen Kater“ auslösen, wenn Juristinnen und Juristen plötzlich nur noch Ergebnisse abnicken. Die Zhejiang-Studie 2024 belege, dass reine Automatisierung Motivation mindern könne, weswegen ein reflektierter Umgang mit KI wichtig sei.

Um wettbewerbsfähig für Mandanten und attraktiv für Nachwuchskräfte zu bleiben, empfahl sie die durch KI gewonnene Zeit für echte Gespräche zu nutzen und in Teamführung und Feedback-Schleifen zu investieren.

„KI + Menschlichkeit = Zukunft der Kanzlei“

Sie empfahl wöchentliche Kurz-Retrospektiven, in denen das Team gemeinsam reflektiert, was gut lief und was gelernt wurde. Hierbei könne KI unterstützen durch Feedback- Tools oder individualisierte Lernpfade.

Ihr Fazit lautete: „KI + Menschlichkeit = Zukunft der Kanzlei.“ Der Satz fand im Publikum breite Zustimmung – viele wünschen sich genau dieses Gleichgewicht.

DEUTSCH-SPANISCHE ERBFOLGEN

Dr. Thomas Rinne beleuchtete die Erbrechtsunterschiede der beiden Länder. Deutschland kennt ein einheitliches BGB-Erbrecht und erlaubt das gemeinschaftliche Testament. Spanien dagegen arbeitet pluralistisch: Regionale Foralrechte regeln, ob etwa ein Ehegatte nur Nießbrauch erhält oder voll erbt.

Rinne riet, in grenzüberschreitenden Fällen stets ein Testament mit ausdrücklicher Rechtswahl aufzusetzen, da sonst das Recht des letzten gewöhnlichen Aufenthalts gilt. Wer das versäumt, riskiere nicht nur Familienstreit, sondern auch unerwartete steuerliche Folgen. „Frühzeitige Mandatsklärung verhindert spätere Konflikte und steuerliche Überraschungen.“

ARGENTINIENS NEUSTART ALS WIRTSCHAFTSPOLITISCHES LEHRSTÜCK

Den Schlusspunkt setzte Prof. Philipp Bagus mit einer Analyse des argentinischen Reformkurses unter Präsident Javier Milei. Seit Dezember 2023 habe Milei Staatsausgaben drastisch gekürzt, Kapitalverkehrskontrollen aufgehoben und Regulierungen gestrichen.

Bagus ordnete dies ideologisch ein: Milei orientiere sich an der Österreichischen Schule, am Liberalismus, am Libertarismus sowie an minarchistischen und anarcho- kapitalistischen Konzepten – ein Ansatz, der ihn deutlich von populistischen „America First“-Strategien eines Donald Trump unterscheide.

Die Zahlen seien trotz kurzer Laufzeit eindrucksvoll: In sechs Monaten habe sich die Inflation halbiert, die Armutsquote sei von fünfundfünfzig auf zweiundvierzig Prozent gefallen. Bagus schloss mit der Feststellung, dass radikale Strukturreformen wirken, wenn politische Führung konsequent bleibe.

PRAXISIMPULSE FÜR KANZLEIEN

Was kann eine Kanzlei mitnehmen, die nicht vor Ort war? Erstens lohnt der Einstieg mit einem kleinen KI-Piloten, etwa einem Fristen-Checker oder einem Übersetzungstool.

Zweitens sollten vorhandene Arbeitsanweisungen um DSGVO- und KI-Compliance ergänzt werden.

Drittens empfiehlt sich bei deutsch-spanischen Mandaten die sofortige Prüfung auf Rechtswahlklauseln. Viertens stärken regelmäßige Kultur-Workshops zu

KI-Ethik und Selbstführung das Team – denn Technik bleibt nur dann ein Gewinn, wenn der Mensch an der Spitze das Steuer behält.

AUSBLICK

Der Schulterschluss zwischen DAV Spanien und der Arbeitsgemeinschaft Internationales Wirtschaftsrecht wird 2027 fortgeführt; Ort und Datum werden noch bekanntgegeben. Schon jetzt ist klar: KI-Strategien, grenzüberschreitende Vermögensgestaltung und wirtschaftspolitische Paradigmenwechsel werden die Agenda weiter prägen.

Heft 10 | 2025 | 74. Jahrgang