Das Bild des Anwalts
Interview mit Natalie J. Fischer
Natalie J. Fischer ist seit November 2025 als Rechtsanwältin zugelassen und gründet nun ihre eigene digitale, mehrsprachige (Deutsch, Polnisch, Englisch) Anwaltskanzlei, die sich auf das Zivilrecht mit Fokus auf Abmahnungen, Fluggastrechte, Mietrecht, Arbeitsrecht und Verkehrsrecht spezialisiert. Ihr Jurastudium hat sie an der Humboldt-Universität zu Berlin absolviert. Praktische Erfahrung sammelte sie unter anderem als wissenschaftliche Mitarbeiterin, während des Referendariats am Kammergericht Berlin und in einer auf Urheber- und Medienrecht sowie Verbraucherrechte spezialisierten Kanzlei. Dort leitete sie mehr als drei Jahre das reiserechtliche Referat als Teamleitung, sodass ihr die anwaltliche Praxis bereits gut bekannt ist und sie nun den Schritt in die Selbständigkeit wagt.
Wir danken Natalie J. Fischer für das Interview | Von Dr. Astrid Auer-Reinsdorff und Angélique Semmler
„Mein Anspruch als Rechtsanwältin ist es, meinen Mandanten den Zugang zum Recht so unkompliziert wie möglich zu machen und ihnen komplexe rechtliche Fragestellungen klar und nachvollziehbar zu machen. Das Fundament meiner anwaltlichen Arbeit bilden Offenheit, Vertrauen und Transparenz“
Was bedeutet es für Sie persönlich, Rechtsanwältin zu sein?
Für mich bedeutet es, für Menschen und ihre rechtlichen Probleme da zu sein. Ich sehe in meinem Beruf eine erfüllende Aufgabe, in der ich sowohl auf menschlicher als auch auf fachlicher Ebene ständig gefordert und gefördert werde. Besonders wichtig ist mir, juristische Fragestellungen für meine Mandantinnen und Mandanten verständlich zu machen – das Recht soll für alle greifbar und nachvollziehbar sein, nicht nur für Jurist:innen.
Welche Verantwortung trägt eine Rechtsanwältin heute gegenüber der Gesellschaft?
Als Rechtsanwältin trage ich die Verantwortung, aufzuklären, Orientierung zu bieten und Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu unterstützen. Wir sind ein wichtiges Bindeglied zwischen Recht und Gesellschaft – wir helfen, Gerechtigkeit im Alltag erfahrbar zu machen.
Wie hat sich Ihrer Meinung nach das Bild der Rechtsanwältin in der Öffentlichkeit verändert?
Früher galten Anwältinnen und Anwälte oft als distanzierte, kaum erreichbare Personen, die für ihre Dienste hohe Honorare verlangen. Heute ist das Bild deutlich moderner: Wir sind zugänglicher, digital präsenter und transparenter. Der Beruf hat an Nahbarkeit gewonnen – und das ist gut so.
Welche Werte sind für Sie im Anwaltsberuf unverzichtbar?
Empathie und Kommunikationsfähigkeit stehen für mich an erster Stelle. Ebenso wichtig sind Kritikfähigkeit, Diplomatie und die Fähigkeit, Grenzen zu setzen. Hinzu kommen eine schnelle Auffassungsgabe, Organisationstalent sowie eine gewisse Portion Optimismus und Belastbarkeit. Ohne diese Eigenschaften lässt sich der Anwaltsalltag in meinen Augen kaum bewältigen.
Wie stellen Sie sich die ideale Rechtsanwältin der Zukunft vor?
Ich wünsche mir, dass die Anwältin der Zukunft offen, transparent und für jede Person erreichbar ist – nicht elitär, sondern auf Augenhöhe. Die Zusammenarbeit sollte digital, unkompliziert und effizient sein, ohne dass dabei der menschliche Aspekt verloren geht.
Inwiefern hat sich Ihre Haltung als Anwältin mit der Berufserfahrung verändert?
Als Studentin erschien mir das Recht oft abstrakt. Mit der Zeit habe ich erkannt, dass juristische Selbstverständlichkeiten für viele Menschen unverständlich und manchmal sogar beängstigend sind – besonders, wenn sie mit einem Verfahren oder Gerichtstermin konfrontiert werden. Diese Erkenntnis hat mein Selbstverständnis geprägt: Heute sehe ich es als meine Aufgabe, meinen Mandant:innen Sicherheit zu geben, ihre Ängste ernst zu nehmen und komplexe Sachverhalte verständlich zu erklären. Es ist ein ständiger Balanceakt zwischen fachlicher Professionalität und menschlicher Empathie.
Was war für Sie die größte Herausforderung in den ersten Berufsjahren?
Nach dem Studium und Referendariat wird einem erst bewusst, wie unterschiedlich Theorie und Praxis sind. Viele kleine organisatorische Dinge – Fristen, Wiedervorlagen, Kanzleialltag – lernt man erst „on the job“. Eine große Herausforderung war außerdem, Selbstvertrauen zu entwickeln. Nach Jahren strenger Noten und Kritik in der Ausbildung braucht es Zeit, wieder an die eigenen Fähigkeiten zu glauben.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Der Tag beginnt mit einem Kaffee und einem Blick auf Termine, E-Mails und Fristen. Danach geht es in die inhaltliche Arbeit – Akten durchsehen, Schriftsätze verfassen, telefonieren, Mandantengespräche führen. Der Austausch mit Kolleg:innen ist mir ebenfalls wichtig; Er bringt neue Perspektiven und stärkt das Gemeinschaftsgefühl, auch wenn ich als Einzelanwältin arbeite.
In welchem Rechtsgebiet sind Sie tätig und was hat Sie dazu bewegt?
Ich bin im allgemeinen Zivilrecht tätig – also in Bereichen, die den Alltag vieler Menschen betreffen: Reiserecht, Mietrecht, Verkehrsrecht, Arbeitsrecht oder urheberrechtliche Abmahnungen. Diese Nähe zum alltäglichen Leben gefällt mir besonders, weil ich direkt helfen und praktische Lösungen finden kann, sowie das umsetzen kann, was ich mir für meine Arbeit als Anwältin zum Ziel gesetzt habe: Meinen Mandant:innen eine rechtliche Begleitung zu bieten, die unkompliziert ist und auf Augenhöhe stattfindet.
Wie würden Sie Ihre Arbeitsweise beschreiben?
Ich würde sagen, meine Arbeit ist eine Mischung aus analytischem Denken, Kreativität und Strategie. Juristisch muss man präzise und logisch sein, um den Fall lösungsorientiert zu bearbeiten. Im Umgang mit den Mandant:innen ist hingegen eine vermittelnde und empathische Arbeitsweise gefragt. Diese Balance macht den Beruf so spannend.
Welche Rolle spielen neue Technologien in Ihrer Arbeit?
Eine sehr große. Digitale Aktenführung, E-Kommunikation und Kanzleisoftware erleichtern den Alltag enorm. Ich könnte mir die Arbeit ohne diese Tools kaum mehr vorstellen. KI kann beim Formulieren von Texten oder bei der Strukturierung hilfreich sein, doch bei der juristischen Recherche ist sie, wie bekannt, noch ausbaufähig.
Wie gehen Sie mit schwierigen Mandant:innen um?
Respekt und offene Kommunikation sind hier entscheidend. Ich versuche, klare Grenzen zu setzen, wenn diese überschritten werden, und Dinge nicht persönlich zu nehmen. Die Kunst liegt darin, Konflikte diplomatisch zu entschärfen und gleichzeitig professionell zu bleiben.
Wie würden Sie Ihr Arbeitsumfeld beschreiben?
Da ich selbständig arbeite, gestalte ich den Kontakt zu Kolleg:innen aktiv. Ich empfinde diesen Austausch als sehr kollegial und oft auch freundschaftlich. Der fachliche und persönliche Austausch ist mir wichtig – er hilft, den eigenen Blick zu erweitern und Erfahrungen zu teilen.
Welche Unterstützung oder Veränderungen würden Ihre Arbeit erleichtern?
Ich wünsche mir, dass digitale Tools weiterentwickelt werden – viele Kanzleisoftwares stoßen noch an ihre Grenzen. Auch die Digitalisierung bei Gerichten und Behörden ist noch ausbaufähig. Hier besteht viel Potenzial, um Abläufe effizienter zu gestalten.
Welchen Rat würden Sie jungen Kolleg:innen geben, die neu in den Beruf starten?
Gehen Sie mit einer gesunden Portion Gelassenheit an den Beruf heran. Überdenken Sie nicht alles, sondern vertrauen Sie auf sich selbst. Rückschläge gehören dazu – lassen Sie sich davon nicht entmutigen. Bleiben Sie realistisch, mutig und behalten Sie Freude an dem, was Sie tun.
Wenn Sie heute noch einmal beginnen könnten – was würden Sie anders machen?
Ich würde mit mehr Selbstvertrauen und Mut in die Selbständigkeit starten. Ansonsten würde ich nichts ändern – ich bin sehr zufrieden mit meinem Weg. Viele Dinge ergeben sich zufällig, aber genau das macht den eigenen Berufsweg oft richtig und stimmig.
Stichwort Work-Life-Balance: Wie trennen Sie Arbeit und Privates?
Das ist nicht immer einfach, vor allem, wenn man seinen Beruf liebt. Ich versuche, bewusst Pausen einzulegen und Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Diese Auszeiten sind wichtig, um Kraft zu tanken und den Kopf frei zu bekommen.


