Das Bild des Anwalts
Interview mit Helga Achatzi
Helga Achatzi stammt aus einer Handwerker- und Bauernfamilie, alle immer selbständig.
- Studium Jura und Kommunikationswissenschaften an der Ruhr-Universität. Im Referendariat 1. Sprecherin der Hörerschaft an der Hochschule Speyer.
- 1974 Redebeitrag auf dem 50. Juristentag über Stellenanzeigen in der NJW
- 1976 Zulassung als Anwältin in Bochum, 1977 Wechsel nach Wuppertal
- Bis 1983 in Bürogemeinschaft mit einem Wirtschaftsprüfer
- 1983 Fachanwältin Steuerrecht, 2022 Titel zurückgegeben
- Ab 1983 Einzelpraxis Allgemeinanwältin
- 1984 Heirat mit Kollegen Winckler, trotz Heirat weiterhin getrennte Praxen
- Ab 1992 ausschließlich Familienrecht
- 1992 Brandanschlag auf mein Büro, alle Akten angezündet, Täter nie gefunden
- 1993 Teilnahme am 1. deutschen Fachanwaltslehrgang Familienrecht in Vlotho
- 1999 Fachanwältin Familienrecht
- 2009 Tod meines Ehemannes
- 2011/12 Ausbildung zur Verfahrensbeiständin in Frankfurt bei Professor Salgo
- 2014 Verkauf meines Büros in Wuppertal und Praxisverlegung nach Düsseldorf
- 2015 Beginn meiner Tätigkeit als Terminsvertreterin bundesweit
- Bis heute 271 Städte von Aachen bis Zwickau, vorwiegend Familienrecht und Versicherungsrecht, aber auch Bundessozialgericht.
Wir danken Helga Achatzi für das Interview | Von Dr. Astrid Auer-Reinsdorff und Angélique Semmler
Was bedeutet es für Sie persönlich, Rechtsanwältin zu sein?
Rechtsanwältin zu sein, bedeutet für mich, einen Beruf mit Verantwortung und Freiheit auszuüben.
Welche Verantwortung trägt eine Rechtsanwältin/ein Rechtsanwalt heute gegenüber der Gesellschaft?
Unser Berufsstand hat m. E. zwei wichtige Felder, in denen er der Gesellschaft gegenüber Verantwortung trägt: Zum einen gilt es, Rechtsfrieden anzustreben und zum anderen ist es von hoher Bedeutung, das Rechtswesen für den Einzelnen verständlich zu machen.
Wie hat sich Ihrer Meinung nach das „Bild der Rechtsanwältin/ des Rechtsanwalts“ in der Öffentlichkeit über die Jahre verändert?
Zu Beginn meiner Tätigkeit waren vorwiegend konservative Herren in Anzug und Krawatte unterwegs, dann kam der Typ „Liebling Kreuzberg“, der jovial und nahbar war. Heute sind Anwälte und Anwältinnen so vielfältig und bunt wie die Gesellschaft, ich sehe keinen Prototypen mehr.
Welche Werte oder Haltungen sind für Sie im Anwaltsberuf unverzichtbar?
Ganz oben auf der Liste stehen für mich Anstand und Respekt vor anderen Meinungen. Auch die Bereitschaft und Fähigkeit, sich mit den Menschen auseinanderzusetzen, gehört unbedingt zu den wichtigen Haltungen.
Wie stellen Sie sich die ideale Rechtsanwältin/den idealen Rechtsanwalt der Zukunft vor?
Selbstverständlich gehören Fachkenntnisse dazu, gepaart mit Empathie und der Bereitschaft zur Veränderung nicht nur im technischen Bereich.
Inwiefern hat Ihre persönliche Haltung oder Ihr Selbstverständnis als Anwältin sich mit der Berufserfahrung verändert?
Ich habe durch viele, auch schmerzhafte Erfahrungen Mut, Zuversicht und Selbstvertrauen gewonnen.
Was war für Sie die größte Herausforderung in den ersten Berufsjahren?
Als junge Anwältin musste ich mir den Respekt der Anzugträger vor und hinter dem Richtertisch erarbeiten.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag in Ihrer Kanzlei oder Ihrem Arbeitsumfeld aus?
Ich bearbeite Akten, lese und schreibe Mails, telefoniere, gehe ins Gericht. Dabei muss ich immer die Organisation des Büros im Auge behalten.
In welchem Rechtsgebiet sind Sie spezialisiert, und was hat Sie zu dieser Spezialisierung geführt?
Familienrecht war vor 50 Jahren die Nische, die die Anzugträger geringschätzten und in der ich meine Begabungen leben konnte.
Wie würden Sie Ihre Arbeitsweise beschreiben – eher analytisch, kreativ, vermittelnd oder strategisch?
Ich gehe meiner Arbeit in der Regel kreativ, neugierig und experimentierfreudig nach.
Welche Rolle spielen neue Technologien (z. B. Legal Tech, KI-gestützte Recherche, digitale Aktenführung) heute in Ihrer Arbeit?
Schon im letzten Jahrtausend waren technische Neuerungen für mich wichtig: 1986 das Faxgerät, 1994 das Handy und 2008 die digitale Akte. Heute ist meine Tätigkeit ohne iPad und Smartphone nicht denkbar.
Wie gehen Sie mit anspruchsvollen oder schwierigen Mandantinnen und Mandanten um?
Ich kann sehr gut ruhig und gelassen bleiben, einer der Vorteile von Alter und Erfahrung. Ein Vorstand erklärte mir, er sei sicher mein wichtigster Mandant. Ich erwiderte, dass er ein Verlustgeschäft sei, da ich schon den zweiten Aktenordner angelegt hätte. Die Krankenschwester, die ich nur bei Mandatsannahme und im Scheidungstermin sähe, sei wesentlich ertragreicher als er. Er schluckte. Und ich konnte erfolgreich seine Scheidung abschließen.
Wie würden Sie das Arbeitsumfeld in Ihrer Kanzlei oder Organisation beschreiben – eher kollegial, leistungsorientiert, interdisziplinär, familienfreundlich etc.?
Auf jeden Fall als kollegial und respektvoll.
Welche Art von Unterstützung oder strukturellen Veränderungen würden Sie sich wünschen, um Ihre Arbeit zu erleichtern (z. B. digitale Tools, Kanzleimanagement, Teamarbeit, Fortbildung)?
Ich wünsche mir mehr Verständnis der Gerichtsbarkeit für unsere Arbeitsweise und -möglichkeiten.
Welchen Rat würden Sie jungen Kolleginnen und Kollegen geben, die heute in den Beruf starten?
Nicht Bangemachen lassen, wir kochen alle mit Wasser. Wer mit Champagner kocht, geht pleite. Immer die Kosten im Blick behalten und an die Steuer denken. Bei selbständiger Tätigkeit rate ich, sich unbedingt freiwillig in der Verwaltungsberufsgenossenschaft zu versichern.
Wenn Sie heute noch einmal beginnen könnten – was würden Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn anders machen?
Ich würde keine Experimente mit Sozietät und Bürogemeinschaft mehr machen. Die Freiheit in der Einzelpraxis ist riskant, aber mit einem Netz von befreundeten Kolleginnen machbar.
Stichwort Work-Life-Balance: Wie trennen Sie Arbeit und Privates?
Das verbindet sich bei mir. Meine Fortbildungen haben über die Jahrzehnte zu vielen Freundschaften geführt mit Menschen, die ich sonst nicht kennengelernt hätte. Sie geben Halt im Alltag und haben häufig mehr Verständnis als fachfremde Menschen. Ansonsten hilft mir die Einsicht, dass ich nicht zaubern kann und aus diesem Grunde innerlich STOPP sagen darf, wenn es zu viel wird.


