Editorial – Heft 04 / 2026
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
In drei Monaten startet die Fußball-Weltmeisterschaft. Vor einem Monat fand der 2. Vielfaltstag des Deutschen Anwaltsvereins in der Littenstraße statt. Wie bekommt er diese beiden Ereignisse nun zusammen, werden Sie sich fragen.
Die Verbindung sind zwei persönliche Erlebnisse. Das eine geschah nach der WM 2018. Ein Jura-Student hatte mich im Rahmen seines Praktikums zu einer Nachlassaufnahme begleitet. Auf dem Rückweg sprachen wir über Fußball und auch den Fall Mesut Özil. Der begnadete Techniker und WM-Held von 2014 hatte gerade seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt. Vorausgegangen war eine Kontroverse um Fotos von ihm mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Mein Praktikant war in Berlin geboren und aufgewachsen, seine Eltern stammten aus der Türkei, lebten und arbeiteten aber fast ihr ganzes Leben in Berlin.
Dr. Dietmar Kurze | Rechtsanwalt | Vorsitzender des BAV | Fachanwalt für Erbrecht und Vorsorgeanwalt in der Kanzlei Kärgel de Maizière & Partner | Sprecher des Arbeitskreises Erbrecht im Berliner Anwaltsverein
Der Jura-Student nahm Özil in unserer Diskussion nicht nur in Schutz, sondern ergriff komplett seine Seite, beschuldigte deutsche Medien der Hetze und schwärmte von Erdogan. Einwände gegen dessen schon damals zumindest problematische Aktivitäten ließ er nicht gelten. Einen Konsens fanden wir nicht.
Gedanklich hat mich dieses Gespräch immer wieder beschäftigt. Am 29. Januar 2026 fand nun der vom Berliner Kollegen Niko Härting und anderen organisierte 2. Vielfaltstag des Deutschen Anwaltsvereins statt. Es ging u. a. um ein Netzwerk für die queere Anwaltschaft und Inklusion von Menschen mit Behinderungen, chronische Erkrankung oder Neurodivergenz. Es war ein angeregter und engagierter Austausch.
Besonders spannend fand ich die geleiteten Gespräche in kleinen Gruppen zu Themen von Herkunft, Chancen und Quoten. An jedem Tisch gab es authentischen Erfahrungsaustausch. Für Teilnehmende, die einer der betroffenen Gruppen angehören, war es gut, von ähnlichen Erfahrungen anderer zu hören. Für andere Teilnehmende, wie mich, waren die Berichte wiederum außerordentlich interessant, da wir mit vielen Herausforderungen gar nicht konfrontiert werden. Ohne soziales Netzwerk – auch der Eltern – oder neu in einem Land ist es beispielsweise deutlich schwieriger, einen guten Praktikumsplatz oder Studierendenjob zu finden oder sonst beruflich ich Fuß zu fassen.
So habe ich an diesem Tag nicht nur gehört, was ich meine, grundsätzlich bereits verstanden zu haben: Vielfalt bietet Chancen, neue Impulse und Gedanken bringen uns persönlich und als Gesellschaft voran. Vieles ist gar nicht mehr so fremd, wenn man sich damit befasst –, also offen ist und in den Austausch geht. Ich habe zudem gelernt, dass es nicht nur an den „anderen“ liegt, sich zu integrieren. Wir sollten nicht nur passiv offen sein, sondern aktiv auf andere zugehen, das Gespräch und den Austausch suchen und Unterstützung anbieten. Nicht nur jetzt, aber gerade in den Zeiten des Mangels an qualifizierten Menschen und zu beobachtenden Radikalisierungstendenzen ist das wichtig für unser gesamtes Gemeinwesen.
Und wenn sich nun aufgrund des persönlichen oder politischen Hintergrunds Differenzen auftun? Darf ich ein ungutes Gefühl haben, wenn jemand als Erdogan-Befürworter auf dem beruflichen Weg in unser Justizsystem ist, aktuell z. B. vor dem Hintergrund der Prozesse gegen Rechtsanwältinnen und -anwälte in der Türkei, über die wir und der DAV berichtet haben?
Nun: Vielfalt und Integration dürfen nicht dort aufhören, wo es schwierig wird. Gerade dann sind wir gefordert. Und das beste Mittel ist das, welches wir als Rechtsanwältinnen und -anwälte gut beherrschen sollten: das Gespräch. Gespräche suchen, Gespräche führen und das immer wieder. Also: Ein ungutes Gefühl darf – oder sogar: sollte – ich haben. Deshalb gleich den Austausch beenden, nicht versuchen, dem Gegenüber Probleme seiner Meinung aufzuzeigen und damit unseren Rechtsstaat zu verteidigen, das sollte ich wohl nicht.
Und um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Der angeregte Austausch, die heitere Stimmung, das viele Lachen am Vielfaltstag haben gezeigt, dass Vielfalt im Wesentlichen bereichernd, inspirierend, fröhlich und auch lustig ist. Ich wünsche sie mir auch noch mehr für den Berliner Anwaltsverein und freue mich über alle, die dabei mitwirken wollen.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß und neue Erkenntnisse bei der Lektüre der neuen Ausgabe des Berliner Anwaltsblattes!
Ihr Dr. Dietmar Kurze



