Ein Unikat der Berliner Anwaltschaft

Zum Tode von Jörg Schachschneider

„Die Stimmung im Vorstand ist hervorragend und schwifty.“ Ein typischer Schachschneider oder – wie ihn Bekannte oder Freunde nannten: Jörg oder Schachi. In den nur zwölf Tagen seit der schockierenden Nachricht bis heute sind mir täglich Sprüche von ihm durch den Kopf gegangen. Wortgewandte, lobende, kritische, grenzwertige, unzählige lustige – einzigartige. Es werden keine weiteren dazukommen.

Dr. Dietmar Kurze | Vorsitzender des Berliner Anwaltsvereins

Unser Kollege und Vorstandsmitglied Jörg Schachschneider ist am 13. August 2026 am letzten Tag seines Urlaubs auf Mallorca in seinem Hotel eines natürlichen Todes verstorben. Wir sind unendlich traurig, betroffen und vermissen ihn. Seiner Familie sprechen wir unser tiefstes Beileid aus.

Jörg Schachschneider war ein für die Anwaltschaft brennender, aktiver Kollege. Für eine Wahlperiode – er kandidierte nicht wieder – war er ab 2015 Mitglied des Vorstandes der Rechtsanwaltskammer Berlin, seit 2017 laufend Mitglied der Satzungsversammlung bei der Bundesrechtsanwaltskammer und seit 2023 Mitglied des Vorstandes des Berliner Anwaltsvereins.

Rechtspolitisch setzte er sich vielfältig ein, insbesondere für die Abschaffung der Singularzulassung zum BGH in Zivilsachen und des grundsätzlichen Verbots des Erfolgshonorars sowie für eine automatische Erhöhung der RVG-Anwaltsvergütung. Noch am 12. August 2026 diskutierte er online in der Satzungsversammlung über von ihm gemeinsam mit Markus Hartung eingebrachte Regelungsvorschläge zum berufsrechtskonformen Einsatz von KI.

Im Berliner Anwaltsverein werden insbesondere sein internationales Engagement, seine zuverlässige und engagierte Teilnahme bei vielen Veranstaltungen und sein Einsatz für die jungen Kolleginnen und Kollegen in Erinnerung bleiben.

Erfrischend und für die Präsenz des BAV unheimlich wichtig waren seine immer mit einem Witz gewürzten Beiträge auf LinkedIn und im Berliner Anwaltsblatt. Er hatte erkannt, dass wir die sozialen Medien nutzen müssen, um den Einsatz des Vorstandes und anderer Engagierter für unsere Mitglieder und für die Mitgliedergewinnung zu zeigen. Typisch berlinerisch – „Erben musste, dann schaffste watt“ – lautete etwa die Einleitung seines LinkedIn- Beitrages, mit dem er zur Teilnahme an unserer Veranstaltung „Zuhören – Mitreden!“ zur Erbschaftsteuer aufrief.

Zudem verstand er es als Privileg, für den Anwaltsverein an Veranstaltungen teilnehmen und (weitgehend selbst bezahlte) Reisen unternehmen zu dürfen. In der Folge war es für ihn selbstverständlich, für die Mitglieder schnell und zuverlässig zu berichten. Zu Besuchen der Anwaltsvereinigungen in Warschau („War schau in Warschau!“) und Slowenien fuhren wir beide zusammen, dieses Jahr nach Luxemburg konnte ich ihn leider nicht begleiten. Mit seiner offenen Art kam er gut an, meisterte Sprachbarrieren bei seinen Grußworten und im direkten Gespräch und hielt den persönlichen Kontakt auch über die Treffen hinaus. Eine Kollegin aus Luxemburg beschrieb ihn treffend als „eine bemerkenswerte Persönlichkeit, eine schöne Seele, geprägt von Wärme, Intelligenz und Menschlichkeit.“

Auch wenn das Handy nicht sein bester Freund war, so war er doch viel moderner, als sein markanter Kleidungsstil vermuten ließ. „Stutzer-Klamotten“ nannte er ihn. Smoking, Fliege, Manschettenknöpfe. Dazu oft ein schwarzer Aktenkoffer oder eine braune „Arzt“-Ledertasche. In Sitzungen – und zu jeder anderen passenden und für andere vielleicht unpassenden Situation – öffnete er einen Energydrink. Alkohol mochte er nicht. Beim Essen war er extrem wählerisch.

Das Angenehme dabei war: Es war authentisch, er wollte niemanden von seinen Eigenarten überzeugen und betonte auch immer selbstreflektierend, dass er an der einen oder anderen Stelle „komisch“ sei.

Nichts anfangen konnte er mit „sinnlosem Geschwafel“ und „Selbstbeweihräucherung“ von Funktionsträgern. Einen Gleichgesinnten hatte ich in ihm in der Wertschätzung von Transparenz in unseren Vereinigungen, wie sie der ehemalige Vorsitzende der RAK Berlin Markus Mollnau während seiner Amtszeit praktizierte und es auch in unserem Verein gelebt werden soll.

Seine Beiträge in Versammlungen sind legendär. Im direkten Kontakt machten ihn sein Witz, seine direkte, authentische und auch zugewandte Art aus. Er war verbindend und verbindlich. In Konversationen waren schnell sein Intellekt und seine Bereitschaft zu erkennen, sich mit Themen fundiert auseinanderzusetzen.

Sein Alter – darüber sprach er nicht gern und so soll es auch bleiben. Größere Geburtstagsfeierlichkeiten vermied er meist durch eine Reise, oft nach Las Vegas. Dort ging er einem seiner Hobbys nach: Casinobesuchen. Zu erwähnen ist diesbezüglich auch die mit mir geteilte Leidenschaft für Filme und dass er ein begeisterter Feuerwerker war. Man glaubt es kaum; aber er hat mir Silvester- Videos gezeigt.

Mit vielen von uns hatte er noch Pläne. Bei mir war es der gemeinsame Casinobesuch und sicher wären es noch weitere Auslandsreisen gewesen. Dass er ein Unikat und ein Berliner Original ist, ist auch im Ausland aufgefallen und hat zu lustigen Abenden und engen Verbindungen geführt.

Zum Schluss noch ein Zitat von ihm aus einem Interview im BAB, welches online frei verfügbar ist: „Ich glaube, die Art meiner perfekten Tage ist gesellschaftlich nicht akzeptiert. Aber macht nicht gerade das Spaß, die unbekannten Möglichkeiten der Existenz zu erkunden?“ Lieber Schachi: Es ist unendlich traurig, dass wir sie nun nicht mehr mit Dir erkunden können.

Heft 10 | 2026 | 75. Jahrgang