Ulrich Schellenberg | Rechtsanwalt und Notar | Be:Right Partnerschaft von Rechtsanwälten mbB

Liebe Frau Zypries, wann und bei welcher Gelegenheit haben Sie das erste Mal vom Gefängnistheater „AufBruch“ gehört oder gelesen?
Mein rotarischer Freund Ekkehard Rähmer hat mich auf das Projekt aufmerksam gemacht und in seinen Rotary Club eingeladen, um einen Vortrag von Sibylle Arndt und Peter Atanassow zu hören. Das war sowohl spannend als auch überzeugend.
Was hat Ihre Neugier auf dieses Projekt geweckt?
Ich habe mir nach dem Vortrag den Film im ZDF über das Projekt angeschaut und war begeistert von dem Engagement, das die Schauspieler zeigen. Teilweise sind die Männer sogar über ihre Zeit im Knast hinaus als Schauspieler engagiert. Wer auch immer diese Aufführung gesehen hat, war begeistert. Es ist sowohl choreografisch als auch von der Inszenierung her anspruchsvoll und die Schauspieler sind weit mehr als Laiendarsteller, sie zeigen echtes Können. Vielleicht auch, weil das Publikum dem Projekt gegenüber positiv gestimmt ist, ist die Stimmung im Auditorium regelmäßig sehr gut und ein Abend in diesem Theater ist eine große Freude.
Liebe Frau Zypries, Sie waren von 2002 bis 2009 Bundesjustizministerin. Auch wenn der Strafvollzug Sache der Länder ist, haben Sie einen guten Einblick in die Schwierigkeiten und Herausforderungen, die sich im Strafvollzug stellen. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Probleme im Strafvollzug?
Der Strafvollzug leidet leider notorisch unter Geldknappheit. Dies führt dazu, dass die Räumlichkeiten nicht so gut sind, wie sie sein sollten und die pädagogische Arbeit im Vollzug erschweren. Dazu kommt, dass der Vollzug personell sehr knapp besetzt ist und gerade der Bereich der Psychologen, Pädagogen und Sozialarbeiter stärker vertreten sein müsste.
Wie ordnen Sie die Arbeit des Gefängnistheaters ein? Welche Effekte sehen Sie für den Gefängnisalltag?
Das Gefängnistheater ist natürlich ein Sonderprojekt. Könnte man so etwas in jedem Gefängnis machen, wäre viel geholfen. Es nützt ja nicht nur denjenigen, die als Schauspieler beteiligt sind, sondern zeigt auch allen anderen, dass es Möglichkeiten und Perspektiven gibt, sich selbst zu entfalten. Das gilt ja gerade auch für das Publikum. Da bekommen Menschen, die noch nie ein Gefängnis von innen gesehen haben, einen Einblick in die Realität von Strafgefangenen.
Wie beschreiben Sie die Effekte dieses Gefängnistheaters auf den Gefängnisalltag?
Natürlich ist das Gefängnistheater zunächst mal eine Abweichung von der täglichen Routine und damit tendenziell störend. Aber Sibylle Arndt und Peter Atanassow geben sich große Mühe, das Projekt so zu organisieren, dass die Abläufe im Vollzug möglichst wenig belastet werden. Sie sind beide gegenüber den Straffälligen klar in der Ansprache. Was aber auch sehr wichtig ist: Durch das Theater werden die eingeübten Hierarchien der Gefangenen verändert. Auf einmal ist der Underdog in der Hauptrolle.
Alle Mitwirkende sind Gefangene. Wie schätzen Sie die schauspielerische Leistung ein?
Ich habe oben schon gesagt, dass ich die schauspielerische Leistung wirklich beeindruckend finde. Bei manchen Schauspielern, die schon über Jahre dabei sind, würde man nicht denken, dass sie Laien sind. Da sind oft verborgene Talente, die die Akteure selber nicht für möglich gehalten hätten. Das ist gut zu sehen, was das Schauspiel gerade auch mit den Schauspielern macht.
Von den beiden Stücken, die jedes Jahr inszeniert werden, wird eines auch im Gefängnis aufgeführt. Für die Zuschauer ist das kein gewöhnlicher Ort. Was macht dieser Ort mit den Zuschauern?
Für die Zuschauer ist das eine Möglichkeit, ein Gefängnis auch mal von innen zu sehen. Das sind verschiedene Welten, die da aufeinandertreffen. Das ist für alle sicher eine Bereicherung und macht noch mal deutlich, welche Erschwernisse eine Theatergruppe im Strafvollzug auch hat, ihre Ideen zu realisieren.
Das Gefängnistheater ist auf öffentliche Zuwendungen angewiesen. Aufgrund des Sparappells des Berliner Senats und den Kürzungen durch die Senatsverwaltung für Justiz ist das Projekt in seiner Existenz akut gefährdet. Wie schätzen Sie diese Situation ein?
Ich finde es schade, dass das Projekt in der Abwägung hinten runtergefallen ist, und bin gleichzeitig froh, dass es gelang, einen Ausgleich durch Lotto-Toto-Mittel zu erreichen. Das Projekt am Leben zu halten, wäre ein echter Gewinn und ich kann nur hoffen, dass sich für die nächsten Jahre Geldgeber finden. Ich würde mich sehr freuen, wenn der Senat von Berlin dieses Projekt weiter unterstützen könnte.
Wenn Sie den verantwortlichen Politikern im Berliner Senat etwas in Bezug auf das Theater „AufBruch“ zurufen könnten, was wäre es?
Halten sie das Projekt am Leben!


