Fünf Thesen und ein Dankeschön
Liebe Leserinnen und Leser,
die Redaktion des Berliner Anwaltsblatts hat mich gebeten, Ihnen etwas über meine langjährigen Erfahrungen als Vorsitzender/stellvertretender Vorsitzender des Berliner Anwaltsvereins zu berichten. Ich komme dieser Bitte gern nach, insbesondere, weil ich in diesen für das Ehrenamt herausfordernden Zeiten ein paar Gedanken unterbreiten möchte, die – so meine Hoffnung – als Motivation für das Engagement in diesem für die Anwaltschaft wichtigen Aufgabenbereich dienen können. Da ich mir nicht anmaße, sämtliche meiner Erfahrungen als allgemeingültig zu bewerten, überlasse ich sie Ihrer wohlwollenden Betrachtung als fünf Thesen.

Uwe Freyschmidt | Rechtsanwalt | Fachanwalt für Strafrecht | Vorstandsmitglied des Deutschen Anwaltvereins
1. DAS EHRENAMT LOHNT SICH
Als aktiver „Ehrenamtler“ wird man oft gefragt, ob der persönliche Aufwand auch wirtschaftlich „etwas bringt“. Unter bestimmten Voraussetzungen möchte ich das bejahen. Am besten lässt sich das am Bild eines Läufers/einer Läuferin erklären: Sprinter, die meinen, bei Übernahme eines Ehrenamtes kurzfristig an Mandate heranzukommen, werden zumeist enttäuscht. Mittelstreckler, die über Jahre projektbezogene Kontakte aufbauen und pflegen, ohne dabei sogleich einen Return on Investment zu erwarten, werden feststellen, dass sie nach und nach Teil eines Anwaltsnetzwerkes werden, das für die eigene Kanzleitätigkeit durchaus hilfreich sein kann. Insbesondere die fächerübergreifende Vernetzung, die in einem Anwaltverein zwangsläufig möglich ist, führt zu regelmäßigen wechselseitigen Empfehlungen. Bleiben noch die Langstreckler: Diese werden feststellen, dass langjährige, vertrauensvolle Beziehungen in einem anwaltlichen Netzwerk nicht nur wirtschaftlich, sondern auch persönlich bereichernd sein können. Man verfügt – regional und überregional – über eine Menge interessanter, freundschaftlicher Kontakte.
2. DIE ANWALTSCHAFT BEDARF DES EHRENAMTES MEHR DENN JE
Deutschland ist im Januar 2026 dem Übereinkommen des Europarates zum Schutz des Rechtsanwaltsberufs (Convention for the Protection of the Profession of Lawyers) vom 12.03.2025 beigetreten. Ein wichtiger Schritt für die Resilienz unseres Berufsstandes. Gleichwohl gibt es nahezu täglich neue Herausforderungen für die Vereine und Kammern, dafür drei Beispiele: Die Neuorientierung unserer Arbeitsbedingungen unter dem Einfluss von KI nimmt Fahrt auf. Anwaltsverbände prüfen die Auswirkungen auf alle Bereiche der Anwaltschaft und versuchen, die Entwicklung durch Fortbildungen und Informationsveranstaltungen zu vereinfachen.
Immer wieder orientiert die Justiz Gesetzesvorhaben vornehmlich an dem Motiv einer Effizienzsteigerung und nimmt dabei Beeinträchtigungen bei den Betroffenen und deren Anwälten/Anwältinnen in Kauf. Durch die Anwaltsverbände werden die Interessen aller Verfahrensbeteiligten möglichst frühzeitig in den Diskussionsprozess eingebracht.
Und schließlich: Das europäische Recht hat in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Die Anwaltsverbände sind international aufgestellt, verkörpert durch zahlreiche europäische Anwaltsvereinigungen. Hervorzuheben sind auch die hervorragenden europäischen Konferenzen, etwa in Wien, Warschau und Berlin. Im DAV wird der europäische Austausch insbesondere durch die Geschäftsstelle in Brüssel und durch die Auslandsvereine verkörpert.
3. DIE RÜCKLÄUFIGE DEMOGRAFISCHE ENTWICKLUNG IST ALS HERAUSFORDERUNG ZU BEGREIFEN
Die Anwaltschaft hat seit Jahren einen kontinuierlichen Rückgang zu verzeichnen, vornehmlich bei selbständigen Anwältinnen und Anwälten. Insbesondere in strukturschwachen Gebieten entstehen daraus auch für die Anwaltsverbände eine Vielzahl von Herausforderungen. Die Mitgliederzahlen sind rückläufig. Berichte von nahezu inaktiven Ortsvereinen lassen aufhorchen. Will man diese Entwicklung als Chance begreifen, ist Kommunikation von entscheidender Bedeutung: Was ist den – insbesondere jungen – Mitgliedern wichtig am Vereinsleben? Welche Projekte und Veranstaltungen werden als hilfreich und/oder interessant bewertet? Gibt es Ideen für neue Formate, die den Wert einer Mitgliedschaft erhöhen könnten? Die Situation erfordert einen intensiven, generations- und ortsübergreifenden Austausch. Der DAV besitzt mit der Landesverbandskonferenz (der ich seit vielen Jahren als Vertreter Berlins angehöre) ein Gremium, das sich verstärkt mit diesen Fragen beschäftigt.
3. DIE RÜCKLÄUFIGE DEMOGRAFISCHE ENTWICKLUNG IST ALS HERAUSFORDERUNG ZU BEGREIFEN
Die Anwaltschaft hat seit Jahren einen kontinuierlichen Rückgang zu verzeichnen, vornehmlich bei selbständigen Anwältinnen und Anwälten. Insbesondere in strukturschwachen Gebieten entstehen daraus auch für die Anwaltsverbände eine Vielzahl von Herausforderungen. Die Mitgliederzahlen sind rückläufig. Berichte von nahezu inaktiven Ortsvereinen lassen aufhorchen. Will man diese Entwicklung als Chance begreifen, ist Kommunikation von entscheidender Bedeutung: Was ist den – insbesondere jungen – Mitgliedern wichtig am Vereinsleben? Welche Projekte und Veranstaltungen werden als hilfreich und/oder interessant bewertet? Gibt es Ideen für neue Formate, die den Wert einer Mitgliedschaft erhöhen könnten? Die Situation erfordert einen intensiven, generations- und ortsübergreifenden Austausch. Der DAV besitzt mit der Landesverbandskonferenz (der ich seit vielen Jahren als Vertreter Berlins angehöre) ein Gremium, das sich verstärkt mit diesen Fragen be schäftigt.
4. ES GIBT WIEDER EIN BEDÜRFNIS NACH PERSÖNLICHER BEGEGNUNG
Jahrelang waren wir gezwungen, uns über Monitore auszutauschen. Das mag in bestimmten Formaten immer noch notwendig und effizient sein, jedoch ist – zumindest aus Sicht des Berliner Anwaltsvereins als größtem Ortsverein des DAV – seit geraumer Zeit wieder eine steigende Nachfrage nach persönlicher Begegnung zu verzeichnen. So wurden die Veranstaltungen der Berliner Anwaltstage – Herbstempfang, Europäische Konferenz und Anwaltsessen – durchgehend gut besucht. Auch die Fortbildungsveranstaltungen und der fachliche Austausch in den Arbeitskreisen finden als Präsenzveranstaltungen wieder viel Zulauf. Was verspricht mehr Erfolg – hohe Followerzahlen auf Social Media oder ein lebendiges persönliches Netzwerk? Möglicherweise wollen gerade die jüngeren Kolleginnen und Kollegen diese Frage nicht alternativ, sondern kumulativ beantworten. Die Vereine sollten diesen begrüßenswerten Trend unterstützen.
5. DIE ANWALTVEREINE SIND AUCH EIN RAUM FÜR WERTSCHÄTZUNG UND DANKBARKEIT
Zum Schluss noch ein etwas altmodisch klingender Gedanke, der jedoch aus meiner Sicht nie an Bedeutung eingebüßt hat: Jedem Mitglied, das sich in den Anwaltvereinen für die Belange seiner Kolleginnen und Kollegen einsetzt, gebührt höchste Wertschätzung und Dankbarkeit. In einer Zeit, in der jede erdenkliche Ablenkung nur einen Swipe oder Mausklick entfernt ist, bedarf es einer hohen Motivation (und gelegentlich auch Disziplin), sich auf altruistische Aktivitäten zu konzentrieren. Dieser Gedanke sollte uns verbinden, was in einer Zeit der immer stärker werdenden gesellschaftlichen Dissonanzen zu einem geschützten Raum für offenen, wertschätzenden Diskurs führen kann. Dies wäre mein Wunsch.
Und da wir gerade dabei sind: Allen, wirklich allen, die mich in den vergangenen zehn Jahren als Vorsitzender des Berliner Anwaltsvereins unterstützt und begleitet haben, möchte ich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich danken!
Und nun geht es weiter. Wie dichtete Hermann Hesse so schön: Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. In diesem Sinne: Wir sehen uns!














