Gespräch mit der Anwältin und Unternehmerin Dr. Franka Becker

Die Suche nach der perfekten Welle: juristische Arbeit als Werkzeug für Innovation

1. Frau Dr. Becker, bitte stellen Sie sich unseren Leserinnen und Lesern kurz vor.

Ich bin Anwältin und Unternehmerin an der Schnittstelle von Recht und Technologie. In meiner anwaltlichen Praxis berate ich wachstumsstarke Tech-Unternehmen sowie internationale Konzerne im IT-Recht, in Compliance- Fragen, im Datenschutz und zur Regulierung von künstlicher Intelligenz. Als Gründerin von PyleHound entwickle ich ein KI-gestütztes Tool, das die juristische Arbeit intelligenter und effizienter macht. Außerdem bringe ich Erfahrung als General Counsel mit.

Privat bin ich ein absoluter Freigeist. Aufgewachsen in Namibia, kam ich für das Jurastudium nach Deutschland. Mitten in meiner Karriere folgte dann der radikale Schnitt: Ich habe alles verkauft, was mich festhielt, meine Karriere eingepackt und die Welt bereist, um zu surfen. Nach Stationen in Mittelamerika, Afrika und Südeuropa lebe und arbeite ich heute in Portugal.

Mein Antrieb ist das, was man unter Surfern „The Search“ nennt: die lebenslange Suche nach der perfekten, noch unberührten Welle. Dieses Mindset übertrage ich gleichermaßen auf meinen Beruf. Ich verlasse mich nicht auf Standardwege, sondern finde die beste Lösung oft dort, wo andere nicht hinschauen.

Dr. Astrid Auer-Reinsdorff |

2. Sie arbeiten als Juristin in einem Umfeld, das deutlich von der klassischen Großkanzlei-Karriere abweicht. Wie hat sich Ihr Verständnis anwaltlicher Arbeit dadurch verändert?

Für mich stehen Freiheit, Eigenverantwortung und Unternehmertum im Vordergrund, das ließ sich im Rahmen von traditionellen Hierarchien nicht so leicht ermöglichen. Durch meine Arbeit in einer Challenger-Kanzlei und als Start-up-Gründerin begreife ich die juristische Arbeit heute viel stärker als Werkzeug für Innovation. Mein Ziel ist es dabei, sowohl Mandanten zu unterstützen wie auch Kolleg:innen in der Branche zu befähigen, künstliche Intelligenz verantwortungsvoll einzusetzen, um ihre eigenen Arbeitsabläufe intelligenter zu gestalten.

3. Viele Jurist:innen definieren ihre Rolle über Mandate und Verfahren, während in Ihrem Arbeitsalltag eine produkt- und technologieorientierte Perspektive im Vordergrund steht. Arbeiten Sie heute eher wie eine klassische Rechtsberaterin oder eine juristische Produktentwicklerin, und wie verändert dieser Fokus auf Skalierbarkeit Ihre juristische Denkweise im Vergleich zur traditionellen Kanzleianwältin?

Die Grenzen verschwimmen hier sehr stark: Ich bin Beraterin, aber ich denke wie eine Produktentwicklerin. Dieser Ansatz verschiebt den Fokus von der individuellen Einzelfallprüfung hin zur Skalierbarkeit. Wenn man wie ich an der Entwicklung von Legal-Tech-Tools arbeitet, sucht man gezielt nach Mustern und technologischen Lösungen für wiederkehrende rechtliche Hürden, Situationen oder Systeme. Das macht die Denkweise deutlich agiler und ergebnisorientierter. Der Unterschied zur klassischen Kanzleianwältin wird im Arbeitsalltag besonders dann spürbar, wenn es nicht darum geht, ein 50-seitiges Memo zu schreiben, sondern gemeinsam mit den Mandanten technologische Prozesse aufzusetzen, die Innovationen schützen und gleichzeitig nachhaltiges Wachstum fördern.

4. Sie sind Partnerin bei gunnercooke, die häufig als „Fee Share“- oder Plattformkanzlei beschrieben wird. Senior- Jurist:innen arbeiten dort eigenverantwortlich und bauen eigene Mandate auf. Welche Vorteile ergeben sich für Sie aus diesem Modell – und wo sehen Sie mögliche Grenzen?

Der größte Vorteil einer Challenger-Kanzlei wie gunnercooke ist die absolute unternehmerische Freiheit. Bei gunnercooke kann ich meine Ideen, wie etwa den Launch von PyleHound, frei verfolgen, meine Arbeit an meinen persönlichen Stärken ausrichten und gleichzeitig Teil einer starken, partnerschaftlichen und internationalen Community sein. Die Grenze, oder besser gesagt die Herausforderung, liegt darin, dass man Verantwortung neu definieren muss: Man ist komplett selbst für sein Business Development zuständig. Für mich ist das allerdings keine Hürde, sondern eine große Chance. Und Ausdruck dieser Selbstbestimmtheit, die für mich und meine Arbeit essentiell ist.

5. Das Modell setzt stark auf erfahrene Partner mit eigener Mandantschaft. Für welche Art von Jurist:innen funktioniert dieses System besonders gut – und für welche eher nicht?

Es funktioniert hervorragend für Jurist:innen, die Lust auf Eigenverantwortung, Unternehmertum und echte Freiheit haben. Es erfordert Mut, die gewohnten Strukturen zu verlassen, aber der Gewinn an Selbstbestimmung und Gestaltungskraft ist enorm. Weniger geeignet ist das System vermutlich für Kolleg:innen, die eher auf Nummer sicher gehen wollen, die vorgegebene Karrierepfade und ein „gemachtes Nest“ bevorzugen.

6. Immer wieder wird diskutiert, dass Anwältinnen und Anwälte einen physischen Kanzleisitz vorhalten müssen. Sehen Sie das deutsche Berufsrecht insgesamt eher als Bremse für neue Kanzleimodelle – und wie relevant ist die Pflicht zu einem Kanzleisitz heute noch, wenn viele Mandate vollständig digital bearbeitet werden?

Die Pflicht zu einem rein physischen Kanzleisitz wirkt auf mich wie ein Anachronismus. Ich lebe in Portugal, und da das meiste heute ohnehin digital abgewickelt wird, spielt es für meine Mandant:innen, Kund:innen und Partner:innen keine Rolle, von wo aus ich arbeite. Ob ich aus Düsseldorf oder aus Lissabon anrufe, macht für die Qualität meiner Beratung absolut keinen Unterschied. Hier bremst das traditionelle Berufsrecht moderne,  flexible Kanzleimodelle tatsächlich manchmal noch aus und spiegelt auch Mandantenwünsche teilweise nicht wider.

7. Sie beschäftigen sich intensiv mit künstlicher Intelligenz für Jurist:innen. Während viele Anwältinnen und Anwälte KI derzeit vor allem für Recherche oder Textentwürfe nutzen: Wo sehen Sie aktuell den größten praktischen Nutzen von KI im juristischen Alltag und welche weitergehenden Anwendungen halten Sie für realistisch?

Aktuell liegt der größte Nutzen in der massiven Effizienzsteigerung bei repetitiven Aufgaben und der Analyse großer Datenmengen. KI hält uns den Rücken frei für die strategische Kernarbeit. In naher Zukunft sehe ich Anwendungen, die weit über die reine Texterstellung hinausgehen: etwa die Automatisierung von Standardvertragsprüfungen in Echtzeit oder Predictive Analytics für die Risikobewertung bei Unternehmensentscheidungen.

„KI hält uns den Rücken frei für die strategische Kernarbeit“

Dabei dürfen wir jedoch die technischen Grenzen nicht ignorieren. Da generative KI-Systeme prinzipbedingt immer zu Halluzinationen neigen können, wird das Prinzip „Human-in-the-loop“ unverzichtbar bleiben. KI ist kein Ersatz für die juristische Expertise, sondern ein Werkzeug, das so konzipiert sein muss, dass es die anwaltlichen Prüfpflichten unterstützt, statt sie zu ersetzen. Die finale rechtliche Einordnung, das ethische Urteilsvermögen und die strategische Verhandlungsführung bleiben zutiefst menschliche Kompetenzen, für die wir auch in einer KIgestützten Rechtswelt die volle Verantwortung tragen.

8. Welche Fähigkeiten sollten junge Jurist:innen entwickeln, wenn sie künftig selbstverständlich mit KI-Systemen arbeiten werden?

Das ist keine reine Nachwuchsfrage. Der Nutzen von KI kennt keine Altersgrenze. Tatsächlich sehen wir oft, dass gerade erfahrene Kolleginnen und Kollegen (das Durchschnittsalter der aktiven Nutzer liegt häufig jenseits der 50) massiv profitieren, weil sie die Ergebnisse der KI aufgrund ihrer Erfahrung souveräner einordnen können.

Dabei hilft uns eine überraschende Parallele: Prompt Engineering, also das Verfassen eines Auftrags an das KI-Tool, hat viel mehr mit juristischem Denken zu tun, als man auf den ersten Blick meint. Die Struktur eines guten Prompts, präzise Sachverhaltsschilderung, klare Definition der Rolle, Berücksichtigung von Rahmenbedingungen und die Vorgabe eines spezifischen Outputs, deckt sich fast eins zu eins mit der methodischen Herangehensweise einer rechtlichen Prüfung.

„Prompt Engineering hat viel mehr mit juristischem Denken zu tun, als man auf den ersten Blick meint“

Wer gelernt hat, Sachverhalte präzise zu durchdringen, kann auch KI-Systeme exzellent steuern. Neben diesem technologischen Handwerkszeug werden zutiefst menschliche Fähigkeiten wie Empathie, strategisches Verhandlungsgeschick und ethische Urteilskraft umso wichtiger. Wer diese Kernkompetenzen mit KI-Expertise kombiniert, wird künftig den entscheidenden Unterschied machen, egal, ob am Anfang der Karriere oder mit 30 Jahren Berufserfahrung.

Für den Nachwuchs ändert sich allerdings die Einstiegsphase radikal: Die klassische Arbeit aus der reinen Recherche und Dokumentenaufbereitung schrumpft zusammen. Junge Jurist:innen rücken durch die KI viel schneller an die strategische Arbeit und die Mandantenberatung heran. Also ist meine Antwort auf Ihre Frage nach den Fähigkeiten wohl: Die sogenannten Soft Skills – die Menschlichkeit – zu kultivieren, denn die kann die KI nicht ersetzen.

9. Sie sind Mitgründerin von PyleHound. Welches Problem im juristischen Alltag wollten Sie mit dem Unternehmen ursprünglich lösen – und welche Lösungen bietet PyleHound heute seinen Nutzerinnen und Nutzern?

Wir haben im Kanzleialltag immer wieder gesehen, wie hochqualifizierte Jurist:innen unzählige Stunden damit verbracht haben, in Aktenbergen händisch nach entscheidenden Klauseln zu suchen bzw. hunderte Dateien durchzuklicken. Gleichzeitig waren ihnen bei der Lösung dieses Problems die Hände gebunden, da sie gängige KI-Tools wegen der strengen Vorgaben zum Mandatsgeheimnis schlicht nicht nutzen dürfen. Mit PyleHound haben wir deshalb einen KI-Assistenten gebaut, der diese stundenlange Recherchearbeit in Sekunden erledigt. Das Besondere: Er versteht juristische Konzepte in ihrer Tiefe und verbindet die Geschwindigkeit moderner KI passgenau mit den Datenschutzanforderungen des deutschen Berufsrechts. Er bietet außerdem zugeschnittene, integrierte Arbeitsabläufe, um KI mit absoluter Rechtssicherheit im Alltag zu nutzen.

„Es könnte die Art, wie Sie arbeiten, für immer verändern“

Ein Herzstück dabei ist unser Deep Research Agent: Er durchsucht Dokumente Zeile für Zeile, verknüpft jeden Befund mit verifizierbaren Quellen und prüft automatisch, ob zitierte Passagen tatsächlich im Original vorhanden sind. Statt zu spekulieren oder halluzinieren, kommuniziert PyleHound transparent, wenn keine gesicherte Antwort möglich ist, und ergänzt die Dokumentenanalyse durch eine automatische Rechtsdatenbank- Recherche, die interne Akten direkt mit aktueller Rechtsprechung verknüpft. Wer wissen möchte, wie sich diese Kombination aus juristischer Präzision und modernster Technologie im eigenen Kanzleialltag anfühlt, ist herzlich eingeladen, es sich einfach mal bei uns anzusehen. Aber Vorsicht: Es könnte die Art, wie Sie arbeiten, für immer verändern!

10. Wie hat sich Ihre Perspektive auf juristische Arbeit verändert, seit Sie nicht nur Anwältin, sondern auch Unternehmerin in einem Legal-Tech-Start-up sind?

Ich betrachte juristische Dienstleistungen noch stärker durch die Brille der Nutzerzentrierung. Es geht nicht um die Brillanz des juristischen Gutachtens an sich, sondern um den konkreten wirtschaftlichen und praktischen Mehrwert für das Unternehmen.

11. Viele Juristinnen und Juristen sprechen über Innovation – aber nur wenige entwickeln tatsächlich eigene Produkte. Was hat Sie dazu bewegt, diesen Schritt zu gehen?

Schon während meiner Promotion über Datenschutz in Blockchains hat mich die Schnittstelle von Recht und Technik fasziniert. Aber rein akademisch oder beratend tätig zu sein, war mir auf Dauer zu passiv. Ich wollte nicht mehr nur am Strand stehen und mich fragen: „Was wäre, wenn…?“

Ich wollte selbst raus und die Dinge umsetzen, auch auf die Gefahr hin, dabei mal ordentlich von einer Welle „gewaschen“ zu werden. Das Risiko gehört dazu, wenn man Innovation baut, statt nur darüber zu philosophieren. Mit der Gründung von PyleHound habe ich mich bewusst für die Rolle der Unternehmerin entschieden. Mir geht es darum, nicht nur über die Zukunft der Branche zu reden, sondern dieser ein Tool zur Verfügung zu stellen, das den juristischen Alltag tatsächlich verändert.

Ein zusätzlicher Gewinn ist außerdem, dass ich meine Mandant:innen jetzt auch mit praktischer Perspektive, also mit meiner persönlichen Erfahrung als Unternehmerin beraten kann.

12. Wie wird der Anwaltsberuf Ihrer Ansicht nach in zehn Jahren aussehen?

Der Fokus verschiebt sich meiner Ansicht nach radikal: weg von der reinen Rechtsauskunft, hin zum strategischen Business-Partner. Die KI wird das operative Grundrauschen erledigen, wodurch das starre Modell der „Billable Hour“ bröckelt und Platz macht für wertbasierte Vergütung.

Wir werden weitaus interdisziplinärer und vollkommen ortsunabhängig arbeiten. Die Kanzlei der Zukunft ist kein statischer Ort, sondern ein agiles System. In fünf bis zehn Jahren sind Anwält:innen weniger Fehlersucher in Dokumenten, sondern vielmehr die Architekten rechtssicherer digitaler Prozesse. Unsere Aufgabe ist es dann, Risiken proaktiv zu managen, bevor sie überhaupt entstehen, unterstützt von einer Technologie, die so selbstverständlich und unverzichtbar sein wird wie heute das Internet.

13. Sind Sie Mitglied eines örtlichen Anwaltsvereins und/ oder einer Arbeitsgemeinschaft im Deutschen Anwaltverein – und wenn ja oder nein: aus welchen Gründen?

Ja, ich bin seit Kurzem Mitglied im DAV Portugal. Da ich meinen Lebensmittelpunkt nach Portugal verlegt habe, ist das für mich der perfekte lokale Anknüpfungspunkt. Meine tägliche Arbeit und meine Netzwerke sind zwar stark in der globalen Tech- und Legal-Tech-Community verankert, aber der DAV Portugal bietet mir eine wunderbare Möglichkeit, die Brücke zwischen meiner deutschen Zulassung, meinem Leben hier vor Ort und dem internationalen Austausch zu schlagen.

14. Was möchten Sie den Leserinnen und Lesern des BAB zum Schluss noch mit auf den Weg geben?

Haben Sie Mut, gewohnte Strukturen auch mal zu verlassen! Die Digitalisierung und KI-Tools bieten uns die einmalige Chance, unseren Beruf freier, selbstbestimmter und innovativer zu gestalten. Egal ob man aus Berlin, München oder eben von der Küste Portugals aus arbeitet.

Wir bedanken uns bei Ihnen für das Interview, Frau Dr. Becker!

Dr. Franka Becker treffen Sie live auf dem Deutschen Anwaltstag in Freiburg am 11.6.2026
https://dav-iwr.de/event/deep-fakes-zwischenkunstobjekt-und-gefahr-dat26/

Heft 06 | 2026 | 75. Jahrgang