Interview mit Maria Rosenke

Rechtsanwältin im Arbeitsrecht, INSEL Rechtsanwälte

1. Frau Rosenke, bitte stellen Sie sich unseren Leserinnen und Lesern kurz vor.

Gerne. Ich komme ursprünglich aus dem Münsterland, habe aber schon nach dem Abitur 2009 meinen Weg nach Berlin gefunden und wohne seitdem, meistens auch ganz gern, in der Stadt. Jura habe ich an der Universität Potsdam studiert und mein Referendariat in Berlin absolviert. Inzwischen bin ich seit über acht Jahren als Rechtsanwältin zugelassen und arbeite als Einzelrechtsanwältin vor allem im Arbeitsrecht. Im Februar habe ich mich selbständig gemacht und zusammen mit zwei Kollegen, Philip Langhaeuser und Birkan Görer, eine Bürogemeinschaft gegründet – INSEL Rechtsanwälte – in Berlin-Mitte, direkt an der Fischerinsel.

Angélique Semmler | Redaktion Berliner Anwaltsblatt

2. Sie sind seit 2017 als Anwältin tätig. Wie verlief Ihr Einstieg ins Berufsleben – direkt in eine Kanzlei, oder gab es Umwege?

Tatsächlich habe ich zunächst in einer Großkanzlei angefangen. Den Einstieg in mein heutiges Gebiet, das Arbeitsrecht, habe ich aber erst über einen kleinen Umweg gefunden. Nach dem Referendariat war mir zwar klar, dass ich als Rechtsanwältin arbeiten wollte, aber noch nicht, in welchem Rechtsgebiet und in welcher Kanzlei. Da fiel die Entscheidung leicht, zunächst im Rahmen eines Großklageverfahrens im Zusammenhang mit Vorwürfen gegen einen deutschen Autokonzern befristet in einer mittelgroßen deutschen Wirtschaftskanzlei anzufangen. So konnte ich die „Großkanzlei“ in einem sehr komfortablen Rahmen kennenlernen und viele neue Kontakte mit den anderen Junganwältinnen und Junganwälten knüpfen, die – genau wie ich – 2017/2018 für dieses Verfahren eingestellt wurden. Nach eineinhalb Jahren lief mein befristeter Vertrag aus, und ich wusste, dass dies nicht meine dauerhafte Arbeitsweise sein würde. Ich orientierte mich in Richtung Arbeitsrecht, vor allem in der Arbeitnehmervertretung und Betriebsratsberatung.

Es bot sich die Gelegenheit, bei der Gewerkschaft für Erziehung und Recht im Bereich Tarifverhandlungen und Betriebsratsbetreuung zu arbeiten. Das war ein toller Einblick in diesen Bereich. Aber nach eineinhalb Jahren war mir klar: Ich vermisse die Arbeit als Rechtsanwältin – die Arbeit am einzelnen Fall, ein überschaubares Verfahren mit klarem Anfang und Ende. Schließlich fand ich meine erste Anstellung als Rechtsanwältin im Arbeitsrecht, dem Rechtsgebiet, bei welchem ich bis heute geblieben bin. Es war kein gerader Weg, aber einer, auf dem ich viel gelernt und vor allem viele gute Erfahrungen gemacht sowie unzählige persönliche und berufliche Kontakte geknüpft habe, auf die ich nicht verzichten möchte.

3. Sie haben Ihre gesamte bisherige Laufbahn in Anstellungsverhältnissen verbracht und sind erst später in die Selbständigkeit gestartet. Was waren Ihre Beweggründe?

Kurz nach dem Referendariat war es vor allem das Bedürfnis nach – insbesondere finanzieller – Sicherheit. Obwohl ich im Rahmen der Ausbildung das Konzept einer „eigenen Kanzlei“ immer spannend fand und mir die Vorstellung gefiel, so zu arbeiten, wie ich es für richtig halte, traute ich mir diesen Schritt zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu – zumal ich ja nicht einmal sicher war, in welchem Bereich ich überhaupt arbeiten würde. Hinzu kamen nicht unerhebliche Studienkreditschulden und auch das Bedürfnis, nach jahrelangem Studieren und Lernen in einem sicheren und geordneten Rahmen zu arbeiten, ohne mir über finanzielle und organisatorische Aspekte viele Gedanken machen zu müssen.

Im Nachhinein würde ich meine Entscheidungen fast genauso wieder treffen. Für den Start in die Selbständigkeit hat es mir ungemein geholfen, dass ich mit dem Fachanwaltstitel, einigen Mandatsbeziehungen, die ich mir in den vergangenen Jahren selbständig aufgebaut habe, sowie mit einem guten Netzwerk eine solide Grundlage hatte. Das machte die Entscheidung am Ende sehr viel einfacher.

4. Was verstehen Sie persönlich unter guter Anwaltsarbeit – was ist Ihr Anspruch an sich selbst in der Mandatsarbeit?

Gute anwaltliche Beratung zeichnet sich meiner Meinung nach durch Transparenz, Verständnis und natürlich Loyalität aus. Mandantinnen und Mandanten sollten wissen, was sie erwartet, wenn sie sich für eine anwaltliche Vertretung entscheiden – nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch mit Blick auf die sonstigen Auswirkungen, die eine Klage mit sich bringen kann. Gerade in dem Bereich, in dem ich überwiegend tätig bin, also in der Arbeitnehmervertretung, spielen zwischenmenschliche Befindlichkeiten eine große Rolle. Aus meiner Sicht ist es im laufenden Arbeitsverhältnis auch nicht immer sinnvoll, jeden Streit auszutragen, selbst wenn der Anspruch vielleicht nicht abwegig ist und ich damit noch eine Geschäftsgebühr verdienen könnte. Das Mandat kann aus meiner Sicht nicht isoliert betrachtet werden; die Begleitumstände und vielleicht auch die persönlichen Umstände, in denen sich eine Mandantin oder ein Mandant befindet, muss eine verantwortungsvolle Rechtsanwältin im Blick haben und die Verfahrensstrategie im Zweifel darauf abstimmen.

5. Wie gehen Sie mit schwierigen Situationen in der Anwaltstätigkeit um?

Zunächst ist der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, aktuelle oder ehemalige, und auch befreundeten Jurist:innen, unerlässlich. Deshalb war auch klar, dass ich mich nicht allein niederlassen würde, und ich bin froh, mit Philip Langhaeuser und Birkan Görer zwei tolle neue Kollegen gefunden zu haben. Ohne diesen Austausch und auch das Feedback aus meinem Netzwerk wären herausfordernde Situationen, an denen es in den letzten Monaten nicht gemangelt hat, für mich nicht so leicht zu bewältigen gewesen.

Im Übrigen hilft es aus meiner Sicht immer, die Perspektive nicht zu verlieren: Viele Situationen, die sich zunächst als überfordernd oder einfach unangenehm darstellen, verlieren nach genauer Prüfung und Analyse – und oft auch mit etwas zeitlichem Abstand – ihre scheinbare Bedrohlichkeit und ihre Bedeutung. Es hilft, sich in Ruhe auf das zu besinnen, was man kann und weiß. Damit lassen sich die meisten Situationen meistern.

6. Zum 1. Februar 2026 haben Sie den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Was war der ausschlaggebende Moment für diese Entscheidung?

Ich denke, es gab nicht „diesen einen“ Moment, der mich zu dieser Entscheidung bewegt hat. Vielmehr war es ein Prozess, der sich schon länger angebahnt hatte. Wie gesagt: Die Idee einer eigenen Kanzlei habe ich schon lange mit mir herumgetragen. Je mehr Erfahrung ich als Rechtsanwältin sammelte, desto realistischer wurde diese Idee. Auch als angestellte Rechtsanwältin musste ich natürlich lernen, wirtschaftlich zu arbeiten, Mandate zu betreuen, welche Aufgaben zu delegieren sind, auf welche Aspekte ich mich fokussieren muss.

Ich denke, jede angestellte Rechtsanwältin und jeder angestellte Rechtsanwalt, sei es in der Großkanzlei oder in der kleinen bis mittelständischen Kanzlei, kommt irgendwann an einen Punkt in der Anwaltslaufbahn, an dem sich entscheidet, wie das Berufsleben in Zukunft aussehen wird: Bleibe ich angestellt und arbeite vor allem meiner oder meinem Partner:in zu, oder gelingt es mir, genug eigene Mandate zu akquirieren, sodass sich die Anstellung irgendwann auch nicht mehr „lohnt“? Entweder schließt man sich dann der Partnerschaft an, in der man bereits als angestellte Rechtsanwältin oder Rechtsanwalt tätig ist, geht in eine andere bestehende Partnerschaft oder gründet neu. Alles hat Vor- und Nachteile und hängt natürlich immer auch von den individuellen Lebensumständen ab.

Ich kam nun letztes Jahr an diesen Punkt. Mir war schnell klar, dass ich etwas ganz Eigenes aufbauen und mich keiner bestehenden Partnerschaft anschließen wollte. Bisher bereue ich diese Entscheidung auch nicht.

7. Wie haben Sie sich auf die Selbständigkeit vorbereitet?

Auch hier muss ich erneut meine neuen Kollegen aus der Bürogemeinschaft, Philip und Birkan, erwähnen – die beiden haben es mir sehr leicht gemacht, mich auf diesen neuen Schritt vorzubereiten. Sie konnten mir viele hilfreiche Tipps geben, etwa zur Beantragung des Gründerzuschusses der Agentur für Arbeit oder zur Meldung beim Finanzamt, bei der Krankenkasse und dem Versorgungswerk, da beide den Prozess erst knapp ein Jahr zuvor selbst durchlaufen hatten. Natürlich hoffe ich, dass ich diese tolle Unterstützung irgendwann weitergeben kann – ich freue mich immer, wenn mich Kolleginnen und Kollegen ansprechen, die ebenfalls den Schritt in die Selbständigkeit wagen wollen.

Im Übrigen braucht es ein paar Excel-Kenntnisse und eine realistische Einschätzung dessen, was möglich ist und welche Umsätze insbesondere am Anfang erreichbar sind. Ein durchdachter Businessplan kann später viel Druck nehmen, wobei er für den Antrag auf Gründungszuschuss ohnehin erforderlich ist.

8. Was war die größte Überraschung in den ersten Wochen als selbständige Anwältin?

Eigentlich hätte man es sich denken können – aber überraschend oder einfach gewöhnungsbedürftig war die Erkenntnis, dass man jetzt wirklich für alles selbst verantwortlich ist, und das auch ständig: von der Kommunikation mit dem Vermieter der Büroräume über die Einrichtung der technischen Infrastruktur bis hin zur Frage, ob auf der Besuchertoilette noch genügend Toilettenpapier vorhanden ist. Es gibt außer meinen Kollegen in der Bürogemeinschaft und mir niemanden, der sich sonst um diese Dinge kümmert. Man muss sich einfach selbst organisieren.

9. Welche Fähigkeiten aus Ihren Anstellungsjahren helfen Ihnen jetzt besonders – und was mussten Sie sich neu aneignen?

Alle Erfahrungen, die ich in den vergangenen acht Jahren vor allem im Zusammenhang mit der Mandatsbearbeitung und der Arbeit im Kanzleialltag gesammelt habe, sind nun unerlässlich. Ich kann mit einer gewissen Sicherheit und Routine an die Arbeit mit meinen Mandantinnen und Mandanten gehen und habe dadurch mehr Zeit für Aufgaben, die ganz neu für mich sind – hier sei vor allem die Buchhaltung erwähnt.

Müsste ich gleichzeitig lernen, wie ich etwa ein Kündigungsschutzmandat zielgerichtet betreue oder selbstbewusst mit der Gegenseite verhandle, würde wohl vieles auf der Strecke bleiben, was ich nun einigermaßen gut in meinen Arbeitsalltag einbauen kann.

10. Wie gestalten Sie Ihre Mandantenakquise, und welche Rolle spielen dabei Netzwerke? 

Ich habe es bereits mehrfach betont: Ein gutes Netzwerk ist für den Aufbau einer eigenen Kanzlei unerlässlich, in jeder Hinsicht und insbesondere auch bei der Mandantenakquise. Ein großer Teil meiner aktuellen Mandatsanfragen kommt über Anwaltskolleginnen und -kollegen oder durch Empfehlungen von ehemaligen Mandantinnen und Mandanten zu mir. Gerade am Anfang braucht der Algorithmus eine gewisse Zeit, bis man online besser auffindbar wird. Ansonsten nutze ich die klassischen Portale, insbesondere auch Google, um meine Reichweite zu erhöhen. Dabei lohnt es sich auch, Zeit und – in angemessenem Maß – Geld zu investieren.

11. Work-Life-Balance ist in der Anwaltschaft ein vieldiskutiertes Thema. Hat sich für Sie durch den Wechsel in die Selbständigkeit etwas verändert?

Ich bin in meinen Arbeitszeiten deutlich flexibler geworden. Wenn ich mich als angestellte Rechtsanwältin noch einigermaßen streng an die üblichen Arbeitszeiten gehalten habe und meine Arbeitgeber auch regelmäßig nicht von mir erwarteten, dass ich am Wochenende oder abends erreichbar bin, gibt es nun natürlich mehrere Momente, in denen ich nach Feierabend oder am Wochenende noch einmal den Laptop aufklappe – wenn für die Buchhaltung sonst keine Zeit war oder ohne eine Rechnung an den Mandanten kein Geld fließt, muss es einfach noch erledigt werden.

12. Sind Sie Mitglied eines örtlichen Anwaltsvereins und/ oder einer Arbeitsgemeinschaft im Deutschen Anwaltsverein – und wenn ja oder nein: aus welchen Gründen?

Ich bin schon lange Mitglied im DAV und seit Anfang des Jahres auch offiziell Mitglied im FORUM Junge Anwaltschaft. Nachdem ich dort bereits im vergangenen Jahr öfter einmal reingeschnuppert hatte, konnte ich bereits enorm von diesem tollen Netzwerk profitieren: Dort habe ich Philip und Birkan kennengelernt und darüber hinaus viele hilfreiche Kontakte knüpfen können.

13. Was würden Sie Berufsanfänger:innen raten, die gerade ins Berufsleben starten?

Nach meiner eigenen Erfahrung kann ich nur davon abraten, sich am Anfang zu sehr unter Druck zu setzen und zu glauben, man müsse sofort den Plan haben oder genau wissen, wie man die nächsten 30 bis 40 Jahre arbeiten will. Es ist okay, auch einmal den Weg zu ändern und sich neu zu orientieren. Es gibt als Rechtsanwalt oder Rechtsanwältin zum Glück genug Möglichkeiten, das eigene Arbeitsleben zu gestalten; deshalb sollte man nicht zu lange in Situationen verharren, in denen man eigentlich nicht wirklich zufrieden ist. Es gibt meistens mehrere gute Alternativen. Und ich sage es gern noch einmal: Ein gutes Netzwerk ist das A und O, vor allem unter jungen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten. Ich lege jeder und jedem die Mitgliedschaft im FORUM Junge Anwaltschaft oder einer vergleichbaren Organisation sehr ans Herz.

Vielen Dank für das Interview, Frau Rosenke.

Heft 09 | 2026 | 75. Jahrgang