Jura ohne juristische Familie

Was uns Studierende aus nichtakademischen Familien gelehrt haben

WER IN DEUTSCHLAND JURA STUDIERT

Die jüngste Sozialerhebung des Deutschen Studierendenwerks zeigt eine Zusammensetzung der Studierendenschaft, die in den Rechtswissenschaften besonders deutlich ausfällt. Nur 36 Prozent der Jurastudierenden kommen aus einem nichtakademischen Elternhaus. Damit zählt das Fach zu den Studienbereichen mit der höchsten akademischen Vorprägung in Deutschland.

Wolf Dermann | Mitgründer und stellvertretender Geschäftsführer von ArbeiterKind.de | www.arbeiterkind.de

Etwa drei Viertel der erwerbstätigen Bevölkerung in Deutschland haben hingegen keinen akademischen Abschluss. Eine gesellschaftliche Mehrheit ist im juristischen Hörsaal Minderheit. Wer Rechtswissenschaften studiert und später in juristischen Berufen arbeitet, begegnet Mandant:innen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten. Wie gut diese Lebenswelten verstanden werden, hängt auch davon ab, welche Erfahrungen die Jurist:innen selbst mitbringen. Wenn diese Berufe vor allem von Menschen aus einer bestimmten sozialen Herkunft geprägt sind, hat das Folgen, die über die Statistik hinausreichen. Diese Schieflage trifft Studierende aus nichtakademischen Familien doppelt. Im Studium fühlen sie sich oft schnell fremd, weil das Umfeld so deutlich anders zusammengesetzt ist als das, aus dem sie kommen. Beim Berufseinstieg setzt sich das fort: Sie betreten einen akademischen Arbeitsmarkt, der ihrer Familie ohnehin fremd ist und in ihm ein Feld, das durch Codes, besondere Karrierewege und ungeschriebene Regeln noch einmal eigene Anforderungen hat.

„Eine gesellschaftliche Mehrheit ist im juristischen Hörsaal Minderheit“

Mit dieser Beobachtung haben wir bei ArbeiterKind.de 2024 das Programm Recht Vielfältig aufgebaut, eine gemeinsame Initiative mit den Wirtschaftskanzleien Linklaters LLP, A&O Shearman und Kapellmann und Partner Rechtsanwälte mbB sowie der EBS Universität für Wirtschaft und Recht. Die Idee: eine Community für Erstakademiker:innen im Jurastudium und beim Berufseinstieg, mit Mentoring, Informationsveranstaltungen und Vernetzungstreffen. Was wir in zwei Jahren gelernt haben, lässt sich nicht in einem Punkt zusammenfassen. Es zeigen sich aber Muster. Eine häufi ge Rückmeldung lautete sinngemäß: endlich nicht allein mit diesen Fragen zu sein.

WAS VOR DEM LEHRPLAN BEGINNT

Eine der Beobachtungen, die sich besonders deutlich bestätigt hat: Neben dem offiziellen Curriculum gibt es ein zweites, das nirgendwo unterrichtet wird, aber über Karrierewege mitentscheidet. In den Fragen, die uns Teilnehmende immer wieder stellen, zeigt sich, was dazugehört. Wann beginnt man mit der Examensvorbereitung? Welches Repetitorium passt? Welche Praktika senden welches Signal? Wie liest eine Großkanzlei einen Lebenslauf?

Diese Fragen tauchen nicht im Studium selbst auf. Sie werden geklärt, wenn jemand jemanden hat, der sie klären kann. Bei einer Tante, die als Anwältin arbeitet oder bei einem Onkel, der Justiziar ist. Beim Sonntagskaffee, wenn jemand sagt: Ach, mit deinen Klausurnoten ist das normal, schreib doch mal eine Bewerbung an die Kanzlei X, ich kenne da jemanden.

Besonders deutlich wurde uns das bei Berichten aus der Examensphase. Das Staatsexamen beansprucht formale Gleichheit: gleiche Klausuren, anonyme Korrektur, festgelegte Kriterien. Die Bedingungen, unter denen die Klausuren entstehen, sind aber nicht gleich. Teilnehmende, die im Examenssemester gearbeitet haben, weil das BAföG nicht reichte und die Familie nicht einspringen konnte, beschreiben dieselbe Phase anders. Wer kein Geld für ein kommerzielles Repetitorium hatte, lernte mit alten Skripten und Lerngruppen, die sich eher spontan gefunden haben, sodass das zusätzliche Zeit gekostet hat. Wer eine schlechte Probeklausur schreibt – und das tun fast alle – hat unterschiedliche Möglichkeiten, das einzuordnen. In einer Familie mit Examenserfahrung wird das Ergebnis schnell relativiert. Wo niemand erklären kann, dass schlechte Probeklausuren fast schon zur Examensvorbereitung dazugehören, wird daraus schnell Selbstzweifel.

Teilnehmende erzählen von Phasen, in denen sie ernsthaft erwogen haben, das Studium abzubrechen, weil sie überzeugt waren, es nicht zu schaffen. In den meisten Fällen war das Problem schlicht das Fehlen einer Person, die in entscheidenden Momenten gesagt hätte: Du bist im normalen Bereich, das geht weiter, viele haben hier gestanden, wo du jetzt stehst und sind durchs Examen gekommen.

ÜBERGÄNGE IM JURISTISCHEN FELD

Etwas, das uns die Arbeit mit den Teilnehmenden immer wieder bestätigt hat: Juristische Karrieren beginnen nicht erst mit der Bewerbung nach dem zweiten Staatsexamen. Sie beginnen oft viel früher: beim ersten Praktikum, bei dem Studi-Job an der Fakultät, bei der Wahlstation oder bei einer Empfehlung.

Jeder dieser Übergänge ist ein Punkt, an dem die Note zwar wichtig bleibt, aber nicht allein erklärt, wer welche Chance bekommt und nutzt. In den Rückmeldungen aus dem Programm zeigen sich diese Verkettungen besonders konkret. Eine Teilnehmerin berichtete uns, vor einer Veranstaltung bei einer Partnerkanzlei noch nie eine Großkanzlei betreten zu haben. Aus dem ersten Kontakt ergab sich ein Praktikum, daraus später eine wissenschaftliche Mitarbeit. Von solchen Effekten hören wir regelmäßig.

Was uns Teilnehmende immer wieder sagen: Sie suchen nicht nach Sonderbehandlung, sondern nach Information. Wann bewirbt man sich? Wie liest man eine Stellenausschreibung? Was ist mit einer Lücke im Lebenslauf, die durch ein Jahr Jobben zur Studienfi nanzierung oder ein Familienereignis entstanden ist? Sie wollen verstehen, wie das Feld funktioniert, in das sie eintreten möchten.

„Teilnehmende suchen nicht nach Sonderbehandlung, sondern nach Information“

Auch das Referendariat erweist sich als Phase mit eigenem Orientierungsbedarf. Eine Teilnehmerin formulierte es so: Sie kenne niemanden persönlich, der das Referendariat erfolgreich abgeschlossen habe und fühle sich verloren. Hier zeigt sich, was das Programm leisten kann: Es vermittelt Menschen, die ihren Weg schon gegangen sind und davon erzählen können.

Eine Wirtschaftskanzlei zu betreten, mit Konferenztisch und Glaswand, in Anzug oder Kostüm und mit der richtigen Mischung aus Selbstsicherheit und Zurückhaltung, ist nicht schwer, wenn man es kennt. Es ist erlernbar, wenn man es nicht kennt. Aber es muss erlernt werden. In unseren Veranstaltungen sehen wir, dass die zusätzliche Anspannung am Eingang schnell verschwindet, wenn solche Räume zugänglich werden. Die Schwelle wird kleiner. Die Selbstverständlichkeit, die andere am Küchentisch lernen, wird hier langsam gewonnen.

Ähnliche Fragen stellen sich auch für Justiz, Verwaltung, Unternehmen oder Wissenschaft. In der Großkanzlei werden sie nur besonders sichtbar, weil Räume, Codes und Auswahlmechanismen dort so deutlich hervortreten. Das gilt auch für Bewerbungssituationen: Wie spricht man über Noten, die nicht im obersten Bereich liegen? Wie reagiert man auf eine Frage zur längeren Studiendauer? Solche Antworten lassen sich üben, man bringt sie aber nicht von der Universität mit.

WAS WIR AUS ZWEI JAHREN MITNEHMEN

Große Reformen bleiben wichtig. Aber unsere Arbeit mit den Teilnehmenden zeigt, dass Veränderung auch dort beginnt, wo einzelne Menschen dieses zweite Curriculum sichtbar machen. Eine Anwältin, die einer Mentee erklärt, dass eine Sieben in einer Probeklausur kein Karriereende ist. Ein Partner, der bei einem Kanzleibesuch erzählt, wie er selbst durchs Examen gekommen ist. Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, die mit einem Bewerber durchspricht, was sie an seinem Anschreiben anders machen würde. Ein Praktikum, das so strukturiert ist, dass die Praktikantin am Ende weiß, wie eine Kanzlei arbeitet, nicht nur, wie sie aussieht.

Diese kleinen Übersetzungen wirken so stark, weil sie das zweite Curriculum sichtbar machen. Sie tun, was in juristischen Familien beiläufig geschieht: Sie ordnen ein und zeigen, dass die eigenen Fragen berechtigt und nicht peinlich sind. Bemerkenswert ist, wie viele der Mentor:innen im Programm selbst ähnliche Wege gegangen sind. Sie geben weiter, was ihnen einmal gefehlt hat.

Was diese Menschen mitbringen, hat viel Qualität. Wer ohne familiäre Unterstützung durch das Examen gekommen ist, hat sich vieles selbst beigebracht. Wer die Vorbereitung neben einem Studi-Job organisiert hat, weiß, wie man unter Druck planen muss. Wer das juristische Feld erst spät verstanden hat, kennt es daher aus zwei Perspektiven. In Gesprächen mit Klient:innen aus unterschiedlichen Lebenswelten ist das oft ein großer Vorteil.

Vieles davon liegt in der Hand der juristischen Profession selbst. Wer einmal eine Mentee begleitet hat, weiß, wie ein wenig Aufwand viel verändert. Wer einmal eine Bewerbung mit einer ungewöhnlichen Lücke wohlwollend gelesen hat, weiß, was sich dahinter oft verbirgt: Eigeninitiative und Beharrlichkeit.

Wenn wir auf die Zahlen vom Anfang zurückblicken, sehen wir die ungleiche Ausgangslage. Was wir aus zwei Jahren Recht Vielfältig mitnehmen: Diese Ungleichheit wird durch viele einzelne Schritte kleiner, die Anwält:innen, Lehrstühle und Kanzleien zusammen mit Studierenden und Absolvent:innen der Rechtswissenschaften gehen können.

Heft 07-08 | 2026 | 75. Jahrgang