KI made in Europe
„Innovation und Verantwortung sind kein Widerspruch, sondern die Grundlage für Rechts-KI made in Europe“
Interview mit Dr. Leif-Nissen Lundbæk (Noxtua) und Kristina Hornung (ESV)
Das Berliner KI-Scaleup Noxtua hat Inhalte des Erich Schmidt Verlags (ESV) zum Öffentlichen Dienstrecht in den Legal AI Workspace der Rechts-KI Beck-Noxtua integriert. Den Zweck und die Frage, wie die Rechtsanwender von dieser Kooperation profitieren können, erläutern Kristina Hornung, Verlagsleiterin des Erich Schmidt Verlags für den Bereich Recht, und Dr. Leif-Nissen Lundbæk, CEO von Noxtua im Interview mit der ESV-Redaktion.
Das Interview führte Bernd Preiß von der Redaktion Recht des ESV
Frau Hornung, wie kam es zum Entschluss des Erich Schmidt Verlags, mit dem KI-Scaleup Noxtua zusammenzuarbeiten?
Kristina Hornung:
Der Entschluss ist schon früh im Jahr 2024 gereift, als das Thema KI durch ChatGPT auch im Rechtsmarkt deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Da wir einen starken Schwerpunkt im Bereich des öffentlichen Rechts haben und die große Sensibilität unsere Kunden mit Blick auf die Datensicherheit kennen, kamen nur geschützte oder On-Premises-Systeme in Betracht. Das sollte den Kunden die Möglichkeit geben, auch eigene, geschützte Daten einzubringen. Da fiel der Blick dann recht schnell auf Noxtua, und da beide Unternehmen in Berlin ansässig sind, sind wir auch unkompliziert ins Gespräch gekommen. Über gemeinsame Schritte waren wir uns noch vor dem Zusammenschluss Beck-Noxtua längst einig.
Herr Dr. Lundbæk, Noxtua entwickelt Europas erste Rechts-KI. Welche Idee bzw. welche Philosophie steckt dahinter?
Dr. Leif-Nissen Lundbæk:
Noxtua wurde 2017 aus meinem Forschungsprojekt mit Professor Dr. Michael Huth an der Universität Oxford und dem Imperial College London gegründet. Selbst wenn wir uns damals noch nicht auf den Rechtsbereich fokussiert haben, hatten wir bereits ein ganz klares Leitmotiv, das sich bis heute wie ein roter Faden durchzieht: die Entwicklung leistungsfähiger KI basierend auf europäischen Werten wie Datenschutz und Transparenz – und für Noxtua können Sie auch die Rechtsstaatlichkeit hinzufügen. Deshalb haben wir Noxtua auch als Europas souveräne Rechts-KI mit eigener KI-Infrastruktur aufgebaut.
Zusätzlich ist Noxtua rechtskonform, erfüllt dabei die hohen straf-, berufs- und datenschutzrechtlichen Anforderungen für Anwält*innen und kann dies durch zahlreiche Zertifizierungen belegen. Außerdem unterscheidet uns vom Wettbewerb, dass wir über eine eigene KI-Infrastruktur verfügen mit rein europäischen strategischen Partnern wie IONOS oder der Open Telekom Cloud.
Frau Hornung, welche konkreten Inhalte des Erich Schmidt Verlags wurden in den Legal AI Workspace integriert?
Kristina Hornung:
Nachdem wir gesehen haben, aus welchem Background Dr. Leif-Nissen Lundbæk kommt und wie leistungsstark Noxtua ist, haben wir gemeinsam beschlossen, diese Power für die öffentliche Verwaltung nutzbar zu machen. Deshalb haben wir als Erich Schmidt Verlag zentrale Inhalte aus dem Beamten- und Tarifrecht eingebunden, darunter auch den renommierten Fürst-Gesamtkommentar zum Öffentlichen Dienstrecht. Damit bieten wir im ersten Schritt insbesondere allen Nutzern aus der öffentlichen Verwaltung eine deutlich erweiterte Datenbasis für juristische Recherchen. Geplant sind weitere Inhalte aus unserem Portfolio, mit denen wir gezielt auch die Anwaltschaft ansprechen möchten.
Was unterscheidet Noxtua vom Wettbewerb?
Dr. Leif-Nissen Lundbæk:
Unsere Stärke ist wie schon erwähnt die Souveränität, sowohl in Bezug auf die Technologie als auch auf die Inhalte. Unsere KI-Modelle sind mit exklusiven juristischen Daten trainiert und somit eben spezialisiert auf den Rechtsbereich. Die Spezialisierung ist entscheidend, gerade in einer Domäne wie dem Rechtswesen, in der es so sehr auf Präzision ankommt. Dazu können wir als einziger KI-Anbieter auf den Datenschatz von C.H.Beck zurückgreifen. Durch die Zusammenarbeit mit dem Erich Schmidt Verlag binden wir weitere ausgewählte Inhalte in den Legal AI Workspace Beck-Noxtua ein. Wir nutzen dabei insbesondere die Stärke des Verlags in ausgewählten Rechtsfeldern – so können Rechtsexpert*innen in Kürze auch einen der führenden Großkommentare zum Öffentlichen Dienstrecht (Fürst) und weitere renommierte Werke aus dem öffentlichen Dienstrecht nutzen.
Frau Hornung, welche Zielgruppen haben Sie noch im Blick?
Kristina Hornung:
Als Verlagshaus mit rechtlichem Schwerpunkt haben wir natürlich alle Juristen bzw. deren jeweiligen Tätigkeitsfelder im Blick. Aus diesem Grund haben wir auch unsere eigene Contentplattform ESV-Digital mit unserer KI AILIA powered by Noxtua ausgestattet. Auch hier machen wir in den gerade laufenden Testrunden beste Erfahrungen mit Noxtua. AILIA werden wir sukzessive auf alle wichtigen Inhalte ausrollen und ermöglichen unseren Kunden so ein zeitgemäßes Arbeiten auf einem Niveau, das den Anforderungen juristischer Arbeit gerecht wird.
Sie sagen, die KI-Modelle sind auf die Rechtsdomäne spezialisiert? Können Sie das näher erläutern, Herr Dr. Lundbæk?
Dr. Leif-Nissen Lundbæk:
Die Daten, mit denen Sie eine KI trainieren, sind entscheidend für die Qualität der später generierten Antworten. Die großen Sprachmodelle sind mit allem Möglichen trainiert, aber nicht wirklich mit juristischen Texten – und schon gar nicht mit deutschen juristischen Texten. Und das spiegelt sich natürlich auch in den Antworten wider.
Wir trainieren unsere KI hingegen mit juristischen Daten, sodass sie lernt, „wie ein*e Jurist*in zu denken”. Dazu arbeiten wir eng mit internen und externen Rechtsexpert*innen zusammen – z.B. mit Fachverlagen wie dem Erich Schmidt Verlag. Sie können es sich auch so vorstellen: Von wem würden Sie sich eher vor Gericht vertreten lassen? Von einem Schauspieler, der juristische Formulierungen auswendig gelernt hat, oder von jemandem, der sich lange und intensiv mit dem Recht auseinandergesetzt hat und es versteht?
Und wie profitieren die Rechtsanwender – neben der juristischen Recherche und der Dokumentenanalyse – von den neuen Angeboten noch? Gibt es beispielweise auch Tools zu Erstellung von Dokumenten?
Dr. Leif-Nissen Lundbæk:
Der Legal AI Workspace Beck-Noxtua ist auf die Bandbreite juristischer Arbeit spezialisiert – von der Informationsbeschaffung („Research“) über die Analyse komplexer Sachverhalte („Understanding“) bis zur Dokumentenerstellung („Drafting“). Die Recherche bietet dabei die Grundlage der gesamten Arbeit und so fließen vielfältige Quellenverweise in die KI-generierten Antworten ein. Nutzer*innen können so im eigenen Interface direkt die originalen Fundstellen sehen und so Verweise nachvollziehen und überprüfen. Für die weitere Arbeit können Nutzer*innen sich dann entweder eigene Templates, also Vorlagen, für weitere Arbeitsschritte wie z.B. die Vertragsanalyse erstellen, bestehende Templates nutzen oder durch spezifische Prompts der KI weitere Anweisungen geben.
Frau Hornung, in welchem Verhältnis steht die Einbindung der Verlagsinhalte in Beck-Noxtua zu dem zuvor erwähnten Verlags-KI-Tool AILIA?
Kristina Hornung:
Unsere Contentdatenbank ESV-Digital mit AILIA ist gänzlich unabhängig von Beck-Noxtua und enthält ESVInhalte, aber mit derselben technologischen Grundlage. Wir haben viele Kunden, die auf reiner Datenbank-Basis arbeiten möchten und sich scheuen, ihre eigenen Inhalte mit KI zu verknüpfen. Diese Kunden sprechen wir weiterhin über ESV-Digital und natürlich auch als Partner der jurisAllianz über die juris-Plattform an. Auch solche recherchebasierten Plattformen müssen sich in der heutigen Zeit dem Kundenwunsch nach einer KI-unterstützten Suche stellen, und wir tun dies mit AILIA. Am Ende ist es sicherlich – gerade in kleineren Einheiten – für den Kunden immer auch eine Preisfrage.
Herr Dr. Lundbæk, worauf basiert der Legal AI Workspace von Noxtua bzw. was ist die Grundlage?
Dr. Leif-Nissen Lundbæk:
Der Legal AI Workspace basiert auf der KI-Technologie von Noxtua und den exklusiven Fachinhalten unabhängiger Verlage wie C.H.Beck, ESV und dem MANZ-Verlag aus Österreich. Wichtig fürs Verständnis ist auch, dass wir ein komplettes KI-System und nicht nur eine Nutzeroberfläche anbieten. Noxtua besteht also aus eigener Infrastruktur, Modellen und Daten als Eisberg unter der Wasseroberfläche und dem eigentlichen Interface als Spitze des Eisbergs. Dieses Rundumpaket ist in der Form einzigartig auf dem Markt.
Welche Sicherheitsanforderungen erfüllen Ihre KI-Modelle: Können auch Berufsgeheimnisträger diese Modelle ohne zusätzliche Anonymisierung nutzen? Ich denke auch an § 203 StGB und § 43e BRAO.
Dr. Leif-Nissen Lundbæk:
Sie liegen vollkommen richtig. Noxtua erfüllt die berufs-, straf- und datenschutzrechtlichen Anforderungen nach § 203 StGB und § 43e BRAO. Darüber hinaus sind wir zertifiziert nach BSI C5, einer der höchsten Sicherheitsstandards, waren das erste deutsche Unternehmen, das die internationale Norm zur verantwortungsvollen Entwicklung von KI-Systemen, die ISO 42001, erfüllt hat, und haben weitere ISO-Zertifizierungen wie ISO 27001, 9001, 27018 und 27017. Mit anderen Worten: Sicherheit und Compliance sind für uns keine Option, sondern Voraussetzung.
Wird die KI-Infrastruktur komplett in Deutschland gehostet?
Dr. Leif-Nissen Lundbæk:
Unsere Infrastruktur ist komplett mit europäischen Partnern wie IONOS und der Open Telekom Cloud aufgebaut und sitzt in Deutschland und Schweden. Unlängst haben wir auch bekanntgeben können, dass wir mit IONOS Deutschlands erste souveräne Legal AI Factory aufbauen. Wie Sie sehen, scheuen wir also keine Kosten und Mühen, um hohe Kontrolle und Sicherheit zu gewährleisten.
Frau Hornung, das klingt, als wäre Noxtua der perfekte Partner für den Erich Schmidt Verlag?
Kristina Hornung:
Natürlich ist Noxtua im Hinblick auf sicherheitstechnische Aspekte und Leistungsstärke ein idealer Partner für uns. Und weil auch noch die menschliche Chemie stimmt, freuen wir uns darüber ganz besonders. Als Verlag unserer Größe ist und bleibt es darüber hinaus wichtig, sowohl eigene Stärken über eigene Verlagsprodukte auszuspielen als auch im Verbund mit unterschiedlichen Partnern – und das können gern wie in der jurisAllianz auch mehrere Verlage sein – passgenau Produkte für Kunden zu entwickeln.
Herr Dr. Lundbæk, welchen Stellenwert haben die Inhalte des Erich Schmidt Verlags für Noxtua?
Dr. Leif-Nissen Lundbæk:
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass starke Allianzen das Erfolgsrezept für Europa sind. Deshalb suchen wir uns bei Noxtua auch starke Partner, wie eben den ESV. Wir führen damit auch unterschiedliche Verlage zusammen und werden damit zusammen immer schlagkräftiger. So schafft auch die Kombination aus den Inhalten von C.H.Beck und nun auch dem Erich Schmidt Verlag als zwei der renommiertesten juristischen Fachverlage aus Deutschland ein besonders attraktives Angebot – z. B. für Nutzer*innen aus der öffentlichen Verwaltung.
Frage an beide: Ihr Ausblick: Welche Rolle wird KI künftig im Rechtsbereich spielen?
Kristina Hornung:
KI wird den Rechtsbereich tiefgreifend verändern. Repetitive Aufgaben können automatisiert und Entscheidungsprozesse beschleunigt werden. Aber: Qualitativ hochwertige Inhalte bleiben unverzichtbar. Gerade in Zeiten von KI wird der Wert unabhängiger Verlagshäuser noch deutlicher. Digitale Souveränität ist entscheidend. Nur, wenn wir die Kontrolle über unsere Daten und Inhalte behalten, ist die Voraussetzung erfüllt, dass das Rechtswesen in Deutschland unabhängig und zukunftsfähig bleiben kann.
Dr. Leif-Nissen Lundbæk:
Wir sehen gerade jeden Tag in den Nachrichten Gründe dafür, weshalb Europas digitale Souveränität jeden Tag wichtiger wird – auch und besonders in so einem sensiblen Bereich wie dem Recht. Unsere Vision ist ein europäisches KI-Ökosystem, das auf Kooperation basiert: Technologie, Verlage und Jurist*innen gemeinsam. Und der Erfolg gibt uns recht: Die Verbindung von technologischer Exzellenz und juristischer Fachkompetenz zeigt, dass Innovation und Verantwortung kein Widerspruch sind, sondern die Grundlage für Rechts-KI made in Europe.




