Krise? Jetzt bloß nichts sagen! Oder doch?
Krisenkommunikation für Kanzleien im Ernstfall: Warum Schweigen riskant ist und wie professionelle Kommunikation Reputationsschäden begrenzt
Kanzleien beraten alltäglich zu Risiken und agieren regelmäßig in komplexen Kontexten. Anwälte können sich bei Schwierigkeiten weitestgehend selbst helfen, ist die weit verbreitete Meinung und das ist durchaus richtig, zumindest bei Gesetzestexten. Aber wie sieht es im Gerichtssaal der Öffentlichkeit aus?

Geraldine-Juliane Stenzel | LL.M. | Wirtschaftsjuristin | zertifizierte Krisenkommunikatorin und ausgebildete Mediatorin | Managing Partner der Minerva Strategic Consulting GmbH | https://minerva-consulting.eu
Hier gelten andere Gesetze, insbesondere seit der steigenden Bedeutung von Social Media, welche auch für Kanzleien krisenkommunikatorisches Handeln erfordern, um die eigene Reputation und geschäftlichen Erfolg zu sichern. Die anerkannt effektivsten Maßnahmen stehen dabei regelmäßig im Widerspruch zum intuitiven Re ex der Rechtsbranche: Schweigen. Denn was im Gerichtssaal eine kluge Verteidigungsstrategie sein mag, erweist sich in der Öffentlichkeit oft als Brandbeschleuniger. Hier ist Schweigen regelmäßig nicht Gold, sondern kompetente Krisenkommunikation, idealerweise basierend auf einer präventiv vorbereitenden Handlungskette, die schnelles und wirksames Agieren ermöglicht.
„Im Gerichtssaal der Öffentlichkeit ist kompetente Krisenkommunikation Gold, nicht Schweigen“
Dieser Artikel räumt auf mit dem Klischee, dass Krisenkommunikation vertrauliche Informationen preisgibt, und zeigt, dass es sich vielmehr um die kontrollierte Steuerung der Informationsverteilung handelt, mit der Reputationsschäden effektiv reduziert werden können. Des Weiteren werden typische Reputationsrisiken für Kanzleien beleuchtet und mit Beispielen aus der Beratungspraxis untermauert, die jede Kanzlei betreffen können.
DER EINSATZ IST HOCH: VERTRAUEN UND GESCHÄFTLICHER ERFOLG
Reputationskrisen entstehen im Zusammenspiel von Vorwürfen, öffentlicher Wahrnehmung und der Reaktion der Organisation. Treffen Krisensituationen Kanzleien un- © Christine Fiedler vorbereitet, entstehen extern längst Spekulationen und Gerüchte. Mandanten stellen Fragen, Mitarbeitende sind verunsichert, Kooperationspartner und Medien erwarten eine umgehende und umfangreiche Stellungnahme.
Vertrauen gilt als wichtigstes Kapital von Sozietäten. Ihre Leistungen sind immateriell, ihre Integrität ihr Markenversprechen. Gerät dieses unter Druck, z. B. durch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen oder herausfordernde Sondersituationen (siehe Abbildung 1: Reputationsrisiken), kann ohne eine professionelle Unterstützung ein nachhaltiger Reputationsschaden entstehen.
„Jede Krise, die unkoordiniert behandelt wird, kann Vertrauen und Reputation von Sozietäten nachhaltig beschädigen“
Spätestens seit Cum-Ex und Wirecard ist klar: Die Aufmerksamkeit endet nicht mehr an der Kanzleitür. Die Öffentlichkeit interessiert sich zunehmend auch für die Rolle der Berater. Wer glaubt, anwaltliche Verschwiegenheitspflichten allein genügen als Schutzschild, unterschätzt die Dynamik interner und öffentlichkeitswirksamer Krisen. Jede Krise oder erfolgskritische Situation, die unkoordiniert behandelt wird, kann Vertrauen und Reputation von Sozietäten und Einzelpersonen nachhaltig beschädigen.
KOMMUNIKATIONSRISIKEN UND EFFEKTIVES KRISENKOMMUNIKATIONS- & STAKEHOLDERMANAGEMENT
Krisenkommunikation ist kein PR-Thema. Sie ist Teil des Krisen- und Risikomanagements von Unternehmen und Kanzleien und liegt damit in der Verantwortung der Geschäftsführung oder den Managing-Partnern. Ein unachtsames Statement im Krisenfall kann nicht nur Aufsichtsbehörden alarmieren, sondern auch internes Vertrauen und Mandatsbeziehungen gefährden. Die Lösung liegt nicht in der Wahl zwischen Schweigen und Reden, sondern in der aktiven Steuerung der Kommunikation unter strikter Wahrung rechtlicher Grenzen.
„Die Lösung liegt in der aktiven Steuerung der Kommunikation unter strikter Wahrung rechtlicher Grenzen“
Denn im Bereich der professionellen Krisenkommunikation geht es gerade nicht darum, vertrauliche Informationen preiszugeben, sondern zunächst drei Fragen zu beantworten:
- Welche Botschaften sind in der vorliegenden Situation notwendig?
- Welche Informationen dürfen kommuniziert werden?
- Und vor allem: wer spricht wann, wie und was?
Zusätzlich entscheidend ist das Thema Schnelligkeit, denn während intern häufig zu lang und breit potenzielle Haftungsfragen geklärt werden, ist mit einem Verlust der eigenen Deutungshoheit zu rechnen. Daneben beobachten wir in der Beratungspraxis regelmäßig, dass Kanzleien im Ernstfall an diffusen Rollenverteilungen scheitern. Wenn Detailfragen, etwa, wer wann Mitarbeitende informiert oder Mandanten kontaktiert, erst in der Eskalation geklärt werden, drohen Zeitverlust und widersprüchliche Signale.
„Eine wirksame Krisenvorsorge setzt in stabilen Zeiten an“
Externe Impulse helfen hierbei, betriebsblinde Flecken zu identifizieren, Szenarien im Voraus zu antizipieren und die Wahrnehmung für hauseigene Risiken zu schärfen. Ein Eskalationsplan schafft zudem die nötige Orientierung und entlastet Geschäftsführung und Partnerschaft unter Druck. Eine wirksame Krisenvorsorge setzt in stabilen Zeiten an und entfaltet ihre volle reputationsschützende Wirkung in Krisensituationen.
KANZLEIRUF IM KREUZFEUER DER PERSPEKTIVEN
Grundsätzlich lässt sich die Reputationsbetrachtung in mehrere Sichtweisen segmentieren:
- Ansehen bei der Ziel-Mandantschaft: zentral für den geschäftlichen Erfolg.
- Image bei Talenten: gewinnt in Zeiten knapper Fachkräfte zunehmend an Bedeutung.
- Wahrnehmung in der breiten Öffentlichkeit: kann auf die ersten beiden einwirken.
Bei der Betrachtung von Reputationsschäden ist als Konsequenz immer die genaue Konstellation zu beachten. So kann die erfolgreiche Vertretung eines prominenten Wirtschaftskriminellen mit einer ausgefeilten Strategie in der Öffentlichkeit als Skandal wahrgenommen werden, für die darauf spezialisierte Kanzlei jedoch bei ihrer Zielmandantschaft zur Ausweitung geschäftlichen Erfolges führen und bei potenziellem Nachwuchs fachlichen Eindruck erzeugen. Sollte es sich jedoch um eine breit aufgestellte Kanzlei handeln, kann dieselbe Situation negative Auswirkungen auf das Geschäft anderer Rechtsgebiete oder moderatere Mandanten haben, insbesondere, wenn es sich um Mandate mit politischer oder gesellschaftlicher Sprengkraft handelt (Spillover-Effekt).
PARTNERWECHSEL: DER KLASSIKER UNTER DEN KRISEN
In (Boutique-)Kanzleien verkörpert der einzelne Partner nicht selten zugleich Marke, Umsatz und Mandantenbeziehung. Verlässt eine solche Schlüsselfigur die Sozietät, entsteht rasch mehr als nur eine personelle Lücke, es entsteht ein Deutungsraum. Den Markt interessiert nicht primär, dass ein Wechsel stattgefunden hat, sondern warum. Selbst in größeren Kanzleien werden Serien von Abgängen in der Presse als Zeichen von Unruhe wahrgenommen. Im kleinteiligeren Gefüge der Boutique-Kanzlei kann bereits der Weggang eines oder zweier Partner wie ein Aderlass wirken. Die Folgen sind absehbar: Mandate folgen nicht selten der persönlichen Bindung. Für Wettbewerber wird der Abgang zum Signal, für Mandanten zum Anlass einer Neubewertung, für den Nachwuchs zum Indiz mangelnder Stabilität. Reputation, die sich über Jahre um einzelne Namen verdichtet hat, erweist sich in solchen Momenten als erstaunlich flüchtig.
Dem lässt sich durch bewusste Maßnahmen entgegenwirken. Zum Beispiel lösen Kanzleien die enge Verknüpfung von Person und Mandat schrittweise auf, indem sie Mandantenbeziehungen breiter angelegt im Team verankern. Ergänzend wirken Vergütungsmodelle, die Kooperation und Mandatsweitergabe honorieren, sowie klare Austritts- und Kommunikationsregeln, die den Übergang strukturieren und öffentliche Kon ikte vermeiden. Entscheidend ist schließlich eine konsistente Außenkommunikation. Wer den Wechsel nicht kommentarlos geschehen lässt, sondern ihn proaktiv als Teil einer nachvollziehbaren Entwicklung einordnet, entzieht Spekulationen den Nährboden und gewinnt die Deutungshoheit.
Reputation im Kanzleimarkt ist kein Produkt einzelner Akteure, sondern das Resultat belastbarer Strukturen.
TYPISCHE REPUTATIONSRISIKEN
- Personenabhängigkeit/Partnerwechsel
- Partnerstreitigkeiten
- (Persönliches) Fehlverhalten
- Mandate mit politischer oder gesellschaftlicher Sprengkraft
- Spillover-Effekte
- Schadensfälle/Haftungsklagen
- Nähe zu Skandalen
- Attraktivitätsde zit im Talentmarkt
- Rankings in relevanten Fachmedien
- Online-Reputation/Bewertungsangriffe
(Typische Reputationsrisiken von Kanzleien)
HAUSGEMACHTE KRISEN: WENN PARTNERZWIST ZUR MANDANTENFLUCHT FÜHRT
Ungelöste Partnerkonflikte dringen regelmäßig nach außen und belasten so die Kanzleireputation, insbesondere bei den betroffenen Mandanten. In einer Boutique-Kanzlei eskalierte ein schwelender Zwist zweier Partner derart, dass Abstimmungen und Verantwortlichkeiten erodierten. In der Folge kam es zu spürbaren Verzögerungen und Kommunikationsdefiziten gegenüber Mandanten mit unmittelbaren negativen Auswirkungen auf Vertrauen und Mandatsbindung bis hin zum Mandatsverlust. Intern verkannte man die Ursache zunächst als externes Marktereignis; erst eine externe Schulung im Bereich: Corporate Compliance & Strategic Communication legte den hausgemachten Konflikt als Wurzel offen. Rechtzeitig eingesetzt, können Instrumente wie Krisenmanagement- Workshops, aber auch Mediationsarbeit Lösungen aufzeigen, bevor es zu Reputationsschäden kommt.
GLÄSERNE KANZLEIWÄNDE: DIGITALE TRANSPARENZ ALS REPUTATIONSRISIKO
Insgesamt zeigt sich, dass interne Krisenherde (von Partnerkon ikten bis zu Abwerbeversuchen) in den letzten Jahren durch digitale Plattformen zunehmend an zerstörerischer Macht gewinnen.
Besonders für kleinere Kanzleien sind solche Bewertungen nahezu existenzbedrohend, da jeder (potenzielle) Mitarbeitende als Reputationsbotschafter fungiert. Professionelle Krisenkommunikation richtet sich in diesem Fall nach innen, um eine Eskalation zu einer öffentlichen Krise zu verhindern.
Anders stellt sich die Lage dar, wenn einschlägige Rankings die eigene Kanzlei in schlechtes Licht rücken oder bereits durch öffentliche Negativbewertungen die Reputation akut gefährdet ist. Um die Reputation bei negativen Rankings zu wahren, bedarf es einer datengestützten Analyse der Kritikpunkte sowie einer souveränen Moderation, die sich bewusst von juristischer Zensur distanziert. Da die notwendige Objektivität für eine solche Kurskorrektur intern oft schwer zu generieren ist, sichert erst der Blick von außen die Glaubwürdigkeit eines Gegennarrativs, welches die Deutungshoheit am Markt nachhaltig festigt.
FAZIT
Kanzleien unterschätzen regelmäßig die Tragweite initialer Krisensignale. Auch ohne mediale Aufmerksamkeit können interne Krisenszenarien das Vertrauen in die Kanzlei nachhaltig beeinträchtigen. Eskalierende Sondersituationen sind häufig auf unklare Kommunikation, fehlende Strukturen sowie mangelnde Abstimmung zurückzuführen. Die daraus resultierenden, verzögerten oder inadäquaten Reaktionen führen nicht selten zu Mandatsverlusten, sinkender Mitarbeitermotivation und langfristigen Reputationsschäden.
Entscheidend sind daher eine frühzeitige Erkennung, transparente Kommunikation und ein strukturiertes, planvolles Vorgehen. Idealerweise wird dieser Prozess durch externe Expertise unterstützt, die bestehende Strukturen stärkt, ohne interne Entscheidungswege zu ersetzen oder das operative Geschäft zu beeinträchtigen. Vorsorge sowie professionelle Krisenkommunikation sind in einer heute digital vernetzten Welt unverzichtbar und ein zentraler Bestandteil nachhaltiger Reputationssicherung, um auch im Gerichtssaal der Öffentlichkeit zu gewinnen.

