Krisenfest durch Kompetenz

Freie Berufe als verlässlicher Partner staatlicher Institutionen in der Krise

Im Januar hatte der BFB zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema für Resilienz eingeladen. Ein Neujahrsempfang, der selbst resilient ist.

Erinnern Sie sich: Im Januar 2026 fiel im Süden der Stadt der Strom für vier Tage aus. Nach einem Anschlag war ein wichtiges Kabel, oberirdisch verlegt, zerstört. Die Ukraine wurde täglich mit tausend Drohnen angegriffen und eine Million Menschen in Kiew waren ohne Strom. Im Iran gehen die Menschen auf die Straße und demonstrieren gegen das Regime und Trump möchte der Präsident von Grönland, Venezuela und Kanada werden. In Deutschland ist es kalt, eben Winter, der von vielen so noch nie wahrgenommen wurde. Vor diesem Szenario wird im Allianz Forum am Pariser Platz darüber diskutiert, wie die Freien Berufe mit ihrer Kompetenz zur Krisenfestigkeit beitragen können. Als Juristin hatte ich keine Vorstellung, welchen Beitrag wir Anwälte bei einer Krise leisten könnten. Wenn bei uns der Strom ausgeht, dann sind wir auch kalt gestellt und können nicht mehr arbeiten. Doch nach drei sehr interessanten Referaten und den Beiträgen aus dem Publikum wurde mir klar, jeder von uns kann.

„Jeder von uns kann“

Claudia Frank | Fachanwältin für Arbeits-und SteuerR | im Vorstand des BAV und Vorsitzende der Vertreterversammlung der VBG

Bilder: © BFB/Henning Schacht

Eröffnet wurde die Veranstaltung vom Hausherrn des Gebäudes, Herrn Ralf Schneider. Er ist Head of Cybersecurity und Next Generation Think Tank. Sein Wissen um mögliche Cyberangriffe hat ihm die Hoffnung, dass der Mensch das beste Betriebssystem für Sicherheit im Netz ist, nicht genommen. Auch er sprach von Resilienz und für eine Dezentralisierung. Die Sicherheit ist ein dynamischer Prozess und wir alle müssen in dieser Hinsicht lebenslang lernen. Wir sind täglich Cyberattacken ausgesetzt und benötigen dringend ein intelligentes und vernetztes Gesamtsystem, um uns zu schützen und resilient zu werden.

Doch was bedeutet eigentlich Resilienz? Um ganz sicherzugehen, habe ich diese Frage KI gestellt: „Resilienz bedeutet psychische Widerstandsfähigkeit, also die Fähigkeit, Krisen, Stress und schwierige Lebenssituationen zu bewältigen, ohne dauerhaft seelischen Schaden zu nehmen und sogar gestärkt daraus hervorzugehen. Der Begriff beschreibt beim Menschen die Kraft, nach Rückschlägen wie Verlust oder Misserfolg wieder ins Gleichgewicht zu finden. Resilienz ist nicht angeboren, sondern kann durch Faktoren wie Optimismus, Selbstwirksamkeit und soziale Unterstützung erlernt und trainiert werden.“

Der Präsident des BFB, Dr. Stephan Hofmeister, hielt die erste Rede und rief zu einem breiten gesellschaftlichen Schulterschluss auf. Dr. Hofmeister ist Mediziner, war u. a. als Schiffs- und Marinearzt in Wilhelmshaven tätig und hat eine Weiterbildung zum Fliegerarzt absolviert. Wörtlich sagte er: „Wir brauchen einen gesellschaftlichen Kraftakt, der nicht allein von Bundesregierung und Bundestag sowie den Ländern und Kommunen getragen werden kann, sondern wie ein ,Big Deal‘ von allen.“ Wir in Deutschland befinden uns in einem Haifischbecken. Dekadenz ist der Gegenpart zu Resilienz und wir müssen alle eine innere Haltung finden. Ohne diese können wir in einer Krise nicht überleben. Wir müssen in der Lage sein, einem Angriff standzuhalten.

Ich habe nach dieser ganz großartigen Rede die Notwendigkeit der Resilienz in der Gesellschaft erkannt, aber wie wir als Freiberufler konkret dazu beitragen können, wurde mir eigentlich erst am Schluss klar. Dr. Hofmeister wies darauf hin, was wir schon wissen, dass eine reale militärische Bedrohung besteht. Der weltweiten Krise der Demokratie müssten wir mit einer Resilienz der inneren Stärke begegnen. Die Freien Berufe seien mit ihrer Erfahrung und Einstellung, mehr zu sein als ein kleiner Wirtschaftszweig, bereit für eine Krisenfestigkeit. Die Aufgaben seien gewaltig, aber lösbar und die Freien Berufe Teil der Lösung.

Der nächste Redner – sicherlich ein Zugpferd für diese Veranstaltung – war Generalleutnant André Bodemann. Er ist Stellvertreter des Befehlshabers Operatives Führungskommando der Bundeswehr und ein echter Kenner der Materie. Er hatte in Afghanistan gekämpft und hat mich sofort davon überzeugt, dass kein Soldat einen Krieg möchte. Wer einmal in Afghanistan war, weiß, dass jeder Krieg nur vernichtet und es keinen Sieger gibt. Auch er hat darauf hingewiesen, dass Gesamtverteidigung und Resilienz keine alleinige Angelegenheit der Bundeswehr ist. Es ist stets gesamtstaatlich und gesellschaftlich zu betrachten. Herr Bodemann machte anhand von Beispielen klar, dass wir einer permanenten Bedrohung von außen ausgesetzt sind. Terrorangriffe auf sensible Infrastruktur zielen auf lebenswichtige Bereiche wie Energie, Wasser, Transport, Gesundheit und IT ab, um das Funktionieren einer Gesellschaft zu stören, wobei sowohl physische Anschläge (z. B. auf Kraftwerke) als auch Cyberangriffe (z. B. auf Stromnetze) eine große Gefahr darstellen, wie sie durch extremistische Gruppen oder staatliche Akteure, sprich Putin, ausgehen können. Die Bedrohungslage hat sich durch zunehmende Professionalisierung und dezentralisierte Strukturen verschärft. Drohnen vor allem über der Ostsee kommen in den deutschen Luftraum. Es gibt Sabotage, wie auf der Bahnstrecke nach Essen, die Flugbereitschaft wurde schon ausspioniert und die hybride Bedrohung hat zugenommen, und zwar in Quantität und Qualität. Wer dahinter steckt, weiß man nicht, es gibt nur Vermutungen. Auf der anderen Seite steht heute alles offen im Netz. Wer also angreifen möchte, muss nur nachsehen, wo sich kritische Einrichtungen befinden. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Sollte Putin 2029 – oder früher – bereit sein für einen Angriff der NATO, dann müssten evtl. 800.000 Soldaten durch Deutschland zur NATO-Ostflanke transportiert werden. Es gibt zwar einen „Operationsplan Deutschland“, aber dieser ist ein zartes Pflänzchen, das von unserer Regierung schlicht nicht wahrgenommen wird. Betrachten wir allein unsere Infrastruktur – Stichwort Brücken – wissen wir, nicht 800.000 Soldaten, sondern evtl. 800 schaffen es. Von Panzern und schwerem militärischem Gerät wollen wir besser nicht sprechen.

„Wir brauchen also … in fast allen Bereichen die second line of defense“

Und hier braucht das Militär verlässliche zivilgesellschaftliche Strukturen und die Freien Berufe gehören mit an erste Stelle. Die Angriffe auf zivile Strukturen zeigen uns, dass wir ein Netzwerk ziviler und militärischer Einrichtungen schaffen müssen. Im Falle eines Angriffskrieges werden die Ärzte, um ein Beispiel zu nennen, in die Katastrophengebiete, an die Front gehen und nicht mehr im Krankenhaus arbeiten. Wir brauchen also ein solches Netzwerk in der Gesundheitsversorgung. Herr Bodemann nennt das in fast allen Bereichen die „second line of defense“. Ein Architekt machte darauf aufmerksam, dass die Bauplanungskapazität fehlt, um schnell Straßen und Verbindungswege zu modernisieren. Selbst die Eisenbahn funktioniert nicht. Wichtig wäre, dass nicht jedes Land seine eigene Bauplanung hat. So wurde in Bayern die Drohnenabwehr am Flughafen geregelt. Bis sich Polizei und Bundeswehr jedoch abgestimmt haben, dürfte die Drohne entweder gelandet und mit wichtigen Informationen wieder nach Russland zurückkehrt sein. Ein Patenanwalt machte darauf aufmerksam, dass es eine Liste mit Geheimpatenten gibt. Diese sei aber geradezu lächerlich kurz. Man sollte dringend darüber nachdenken, diese Liste zu erweitern. In Unternehmen müsse geklärt werden, auf wen man sich verlassen könne, wer zum Arbeitgeber stehe. Vor einer solchen Prüfung steht jedoch die DSGVO. Ein Tierarzt wies darauf hin, dass es sehr einfach sei, eine Seuche einzubringen. Denken wir an die Kraniche, müssen wir das tatsächlich ernst nehmen. Wir brauchen tatsächlich Spezialisten in allen Bereichen, in der Medizin, in der IT, in der Logistik, in der Bauplanung. Wertschöpfungsketten sind das große Thema. Denkt Herr Bodemann an die Europäischen Vorgaben zur Arbeitszeit – er könnte verzweifeln.

Als nächster Redner kam der Staatssekretär Florian Hahn aus dem Auswärtigen Amt, als Stellvertreter für Herrn Wadephul, der an diesem Tag mal schnell in die USA fliegen musste. Auch er verwies auf die gesamtgesellschaftliche Aufgabe, auf die Resilienz und darauf, dass wir alle für die demokratischen Werte eintreten müssen. Nach den Ausführungen des evangelischen Bischofs für die Seelsorge in der Bundeswehr – seine Ausführungen hätte ich gerne ausführlicher dargestellt, doch das würde den Rahmen sprengen – folgte die Rede von Dr. Sönke Neitzel, seines Zeichens Historiker und Militärwissenschaftler. Er begann die Rede mit folgendem Statement: 2026 – die Ukraine gibt es noch – die Nato gibt es noch, die amerikanischen Truppen gibt es noch und es gibt Geld für das Militär, denn Drohnen sind teuer. Nun, Geld haben wir eventuell nicht so viel, aber wir haben einen „Verschuldensspielraum“! Gleichwohl blickt der Historiker pessimistisch in die Zukunft. War der Sommer 2025 der letzte Sommer in Frieden? Wir dürfen uns bei der Nato keine Illusionen machen, auf die USA können wir uns nicht mehr verlassen. Wenn wir über den Krieg reden, haben wir unrealistische Vorstellungen. Es wird kein Krieg mehr, wie ihn unsere Großeltern noch erlebt haben, sondern es wird ein begrenzter Krieg. Sieht man sich heute mögliche Krisenbekämpfung an, dann werden wir am Föderalismus scheitern. 16 Minister, der Kanzler und der Innenminister entscheiden. Dabei gibt es Minister, die wollen grundsätzlich nicht entscheiden, also wird es letztendlich keinen einheitlichen Plan geben. Wer für was zuständig ist – Polizei, Bundeswehr oder der Heimatschutz? –, steht nicht fest und wird auch in absehbarer Zeit nicht für alle Länder zusammen gelöst werden. In Deutschland fehlt es an Leadership. Betrachten wir die Drohnenbeschaffung, dann haben wir ein Wimmelbild, aber keine Drohne. In der Bundeswehr haben wir ein riesiges operatives Kommando, sie ist eine Oberverwaltungsbehörde, ohne Kampferfahrung. Der Kanzler nimmt die Situation nicht ernst genug. Es werden keine konkreten Entscheidungen getroffen. Der Historiker glaubt nicht, dass sich in den nächsten Jahren etwas ändern wird. Wir sind wohl schlicht nicht mehr „reformfähig“.

„In Deutschland fehlt es an Leadership“

Der letzte Vortrag von Frau Dr. Bauer vom Forschungszentrum Jülich war zum Glück in jeder Hinsicht positiv und so sind wir nach über zwei Stunden in die Nacht entlassen worden. Vieles, was wir gehört haben, war nicht gerade sehr aufbauend. Doch es ist wichtig, dass der Finger in die Wunde gelegt wird und wir vor allem die Politik in die Pflicht nehmen. Das Thema Resilienz ist nach dem Stromausfall in aller Munde. Es kann ja nicht schaden, genügend Wasser, Taschenlampen, Batterien, ein Kurbelradio und evtl. auch einen kleinen Campingkocher im Keller zu haben. In diesem Sinne hoffe ich, dass wir auch dieses Jahr einen Sommer in Frieden erleben dürfen.

Heft 04 | 2026 | 75. Jahrgang