Mit Recht persönlich – Berliner Anwaltsbiografien
Podcastvorstellung
Juristische Themen müssen nicht trocken sein – das zeigt eine wachsende Podcastszene, in der diese verständlich, kritisch und oft unterhaltsam behandelt werden. Wir stellen Podcasts vor, die sich mit juristischen Fragen, aktuellen Urteilen, rechtspolitischen Debatten oder bekannten juristischen Persönlichkeiten beschäftigen. Die Beiträge erscheinen in lockerer Reihenfolge und stellen verschiedene Podcasts vor.


Annette Wilmes | https://mit-recht-persoenlich.podigee.io/
Dr. Vera Hofmann | Präsidentin der Berliner Rechtsanwaltskammer
1. Bitte stellen Sie den Podcast kurz vor und erklären Sie, worum es inhaltlich geht.
Annette Wilmes: „Mit Recht persönlich – Berliner Anwaltsbiografien“, der Titel sagt es schon: Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte sind im Podcast zu Gast und berichten aus ihrem Berufsleben. Sie erzählen über die mitunter schwierigen Anfänge, über besondere Ereignisse, interessante Begegnungen und vor allem darüber, was Ihnen besonders wichtig ist und war bei der Ausübung des Anwaltsberufs. Für die einen ist es das Auftreten vor Gericht, für die anderen das Mandantengespräch und wiederum andere lieben es, kniffl ige juristische Fragen zu beantworten. Es wird auch über das ganz persönliche Erleben gesprochen, über die Motivation, Jura zu studieren und sich schließlich für den Anwaltsberuf zu entscheiden.
2. Was war die Motivation, gerade über juristische Persönlichkeiten zu podcasten?
Vera Hofmann: Die Idee ist 2023 entstanden: Die Hauptgeschäftsführerin der Rechtsanwaltskammer Frau Pietrusky und ich haben uns anlässlich des Todesfalles eines wertgeschätzten Kollegen darüber unterhalten, dass anwaltliche Persönlichkeiten von uns gehen, mit denen man sich gern noch einmal ausführlich unterhalten hätte. Mit ihnen gehen Erfahrungen und Geschichten, also auch Berliner Anwaltsgeschichte verloren. Wir wollten ihnen die Möglichkeit geben, uns noch einmal zu erzählen, was ihnen in ihrer berufl ichen Laufbahn oder auch sonst besonders wichtig war.
Viele der Kolleginnen und Kollegen haben Geschichte geschrieben. Sie waren an spektakulären Prozessen beteiligt, haben juristische Kämpfe ausfechten müssen oder auf andere Art etwas Besonderes erreicht oder erlebt. Uns geht es vor allem darum, diesen Schatz an Erfahrungen zu erhalten.
Zuerst haben wir an ein Buchprojekt gedacht, aber dann lag ein Podcast natürlich viel näher. Und dann haben wir an Annette Wilmes gedacht und uns mit ihr getroffen. Wir betrachten das als reinen Glücksfall, weil Frau Wilmes nicht nur eine erfahrene Journalistin ist und sich seit Jahren immer wieder mit anwaltlichen Themen beschäftigt hat und deshalb das notwendige Fachwissen und Feingefühl mitbringt. Vor allem aber auch, weil sie dieses Projekt mit extrem viel Engagement und Liebe betreibt.
3. Wie werden die Jurist:innen ausgewählt, die vorgestellt werden?
VH: Uns geht es in aller Allgemeinheit und Vielschichtigkeit darum, besonders herausragende Persönlichkeiten zu interviewen, um deren Erinnerungen zu erhalten. Es sind durchweg Persönlichkeiten, die auf eine lange anwaltliche Tätigkeit zurückblicken können, viel erlebt und deshalb viel zu erzählen haben. Ehrenamtliches Engagement spielt bei der Auswahl sicherlich eine Rolle, aber keine entscheidende.
4. Wie werden die Interviews und Inhalte gestaltet, um die Geschichten der Gäste spannend zu erzählen?
AW: In Vorgesprächen versuche ich herauszufinden, was dem jeweiligen Anwalt oder der Anwältin besonders am Herzen liegt. Wenn ich die Stationen im Berufsleben meines Gastes kenne, entwickle ich daraus die Fragen. Meist fange ich mit einem aktuellen Ereignis an, springe an den Anfang und gehe dann mehr oder weniger chronologisch weiter. Die Dramaturgie bestimmt sich aber auch durch die jeweilige Person und den zeithistorischen und politischen Kontext, in dem sie tätig war. Um das alles richtig einordnen zu können, ist eine ausführliche Recherche nötig. Einige der Anwältinnen und Anwälte kenne ich persönlich schon sehr lange. Als Hörfunkjournalistin habe ich zu manchen Ereignissen, an denen sie beteiligt waren, in meinem Archiv noch Aufnahmen, die ich je nach Thema in das Gespräch mit einbauen kann. Das verdeutlicht zusätzlich die historische Dimension der Biografien.
5. Welche Überlegungen leiten Themenwahl und Struktur der Folgen?
AW: Die Themenwahl ergibt sich aus dem Fachgebiet der Anwältin bzw. des Anwalts, außerdem aus dem zeithistorischen und politischen Umfeld. Vor allem aber aus meiner ausführlichen Recherche rund um die Anwaltspersönlichkeit und aus dem Vorgespräch.
VH: Ich möchte anmerken, dass wir als Rechtsanwaltskammer hier kaum eingreifen. Frau Wilmes führt die Gespräche allein und ohne Vorbereitung oder Vorgaben von uns. Es obliegt ihrer Freiheit, die Gespräche zu gestalten. In der Nachbereitung kommunizieren wir miteinander. Aber das lief bisher absolut angenehm und konstruktiv.
6. Wie werden komplexe juristische Themen im Podcast für Hörer:innen verständlich aufbereitet?
AW: Es gehört zur Kernkompetenz von Fachjournalisten, Spezialwissen so zu vermitteln, dass es auch Laien verstehen können und für Leute vom Fach dennoch interessant bleibt. Das gilt auch für juristische Themen. Im Gespräch ist es wichtig, entsprechend nachzufragen, um Klarheit über komplizierte Sachverhalte zu erlangen. Wenn ein Anwalt zu viel Wissen voraussetzt, kann es auch vorkommen, dass ich eine kurze Erläuterung einfüge. Auch wenn eine Anwältin einen Namen erwähnt, den nicht alle kennen können, muss ich nachfragen oder selbst erläutern, um wen es sich handelt. Ich muss mich während des gesamten Gesprächs und vor allem auch bei der Nachbereitung, der sog. Postproduktion, in die Rolle der Hörerinnen und Hörer versetzen.
7. Wie werden die Gäste auf die Interviews vorbereitet?
AW: Vor allem durch das schon mehrfach erwähnte Vorgespräch, zu dem wir uns möglichst persönlich treffen. Darin erkläre ich erst einmal, was ein Podcast ist, welche Verbreitung er hat, wo er gehört werden kann. Ebenso erkläre ich den technischen Ablauf, dass wir uns vor den Mikrofonen gegenübersitzen, am besten an einem Tisch. Das eigentliche Gespräch, also die Aufnahme, kann bei mir im Büro stattfinden, aber auch in der Kanzlei oder an einem anderen geeigneten Ort. Denn mit meinem technischen Equipment bin ich flexibel. Wichtig ist es, eine persönliche Atmosphäre herzustellen, weil sich das Podcast- Gespräch auch atmosphärisch vom Fachinterview unterscheidet. Für mich als Hörfunkjournalistin spielt auch der gute Ton eine Rolle, so finden alle Aufnahmen persönlich statt, nicht online. Die aufwendige technische Nachbearbeitung mache ich ebenfalls selbst.
8. Gibt es besondere Herausforderungen bei den Gesprächen mit erfahrenen Jurist:innen?
AW: Für mich persönlich nicht, nach 45 Berufsjahren und Hunderten Interviews mit juristischen Persönlichkeiten aus der Anwaltschaft, der Justiz, der Politik und der Wissenschaft. Da ist es manchmal die größte Herausforderung, einen Termin zu finden.
9. Wie reagieren die Gäste auf die Mischung aus persönlichem und beruflichem Fokus?
AW: Bisher haben alle Anwältinnen und Anwälte gern auch aus ihrem persönlichen Leben erzählt. Zum Beispiel erzählte einer über seine unglückliche Kindheit, ein anderer über die Armut im Elternhaus. Eine Anwältin berichtete über die Borniertheit eines Professors gegenüber den Jura-Studentinnen, die damals, in den 60er-Jahren, noch in der Minderheit waren.
10. An wen richtet sich der Podcast hauptsächlich?
VH: Definitiv an alle! Jung und Alt, Berliner und Nichtberliner Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, auch Nichtjuristen. Es ist bewusst ein Podcast für alle grundsätzlich an der Anwaltschaft interessierten Menschen.
AW: Das zeigt sich auch schon daran, dass der Podcast nicht nur über die Internetseite der Rechtsanwaltskammer Berlin zu hören ist, sondern „überall, wo es Podcasts gibt“.
11. Welche Reaktionen oder Rückmeldungen gab es bisher von den Hörer:innen?
VH: Ich werde häufig darauf angesprochen, dass der Podcast sie berührt. Es ist dafür offensichtlich nicht nötig, die interviewte Kollegin oder Kollegen persönlich zu kennen. Ich glaube, wir erreichen unser Ziel, den Erfahrungsschatz der außergewöhnlichen Personen zu teilen und zu erhalten.
AW: Einige vor allem aus der jüngeren Generation fanden es interessant, dass sich doch manches in der Anwaltschaft im Laufe der Jahrzehnte verändert hat. Da geht es zum Beispiel um die Rolle der Frau, eine Präsidentin einer Anwaltskammer war bis 2004 nicht denkbar, heute ist es normal. Auch der Umgang mit der Anwaltschaft von Seiten der Justiz, vor allem in den Gerichten, hat sich geändert und ist viel kollegialer als früher. Hinzu kommt die hohe Spezialisierung in den Fachanwaltschaften. Früher mussten alle alles können.
12. Haben Sie das Gefühl, dass der Podcast das Bild von Jurist:innen in der Öffentlichkeit verändert oder bereichert?
VH: Das wäre schön und die Bereicherung ist sicher unser Ziel. AW: Der Podcast ist noch jung, es gibt erst sieben Folgen. Immerhin wächst die Hörerschaft mit jeder Folge, das ist messbar. Und davon verspreche ich mir auch, dass vor allem junge Leute mehr Interesse für Jura und vor allem für den Anwaltsberuf entwickeln. Wie vielfältig diese Tätigkeit ist, wird in den einzelnen Folgen und mit den sehr verschiedenen Persönlichkeiten besonders deutlich.
13. Welche Episode oder Persönlichkeit ist aus Ihrer Sicht für das Publikum besonders interessant oder inspirierend?
VH: Da möchte ich mich nicht festlegen. Ich bin auch zu nah am Prozess dran. Außerdem kannte ich bisher fast alle Personen persönlich, da ist man nicht mehr objektiv.
AW: Dasselbe gilt für mich.
14. Gab es Schwierigkeiten oder Überraschungen beim Podcasten?
VH: Einmal gab es Schwierigkeiten, weil wir nicht sicher waren, wie der Inhalt des Gesprächs ankommt. Da war es hilfreich, im Vorfeld den fast fertigen Podcast einige Personen anhören zu lassen. Die Rückmeldungen waren anders, nämlich positiver, als einige von uns erwarteten.
15. Welche Pläne oder Visionen gibt es für die Zukunft des Podcasts?
AW: Ich finde das Gesprächsformat sehr schön und ich freue mich sehr, dass die Rechtsanwaltskammer mich bat, den Podcast zu erstellen. Ich habe von meinen bisherigen Gästen viel neues erfahren, selbst, wenn ich sie schon lange kannte. Das macht mich persönlich neugierig auf weitere Gespräche mit Berliner Anwältinnen und Anwälten, und ich denke, unser breit gefächertes Publikum kann sich auf zahlreiche neue Episoden über Anwaltsbiografien freuen.
VH: Wenn es nach mir geht, kann der Podcast noch eine ganze Weile laufen. Es gibt genug herausragende anwaltliche Berliner Persönlichkeiten.
Wir danken Ihnen für das Interview!
Hier geht es zum Podcast: https://mit-recht-persoenlich.podigee.io/
Hier geht es zur Folge mit Dr. Vera Hofmann:
https://mit-recht-persoenlich.podigee.io/1-neue-episode

