RA-MICRO im Jahr Zwei des KI-Zeitalters

Wie der JURA KI-Assistent im Verbund mit ChatGPT arbeitet.

2022 gelangte die Entdeckung der künstlichen Intelligenz (KI) weltweit ins öffentliche Bewusstsein. Der amerikanische KI-Pionier Open AI bot dem Publikum auf künstlicher Intelligenz beruhende Computerinteraktionen mit menschenähnlichen sprachlichen Verständnisund Ausdrucksfähigkeiten und einem sehr umfangreichen Allgemeinwissen.

Dr. Peter Becker | Rechtsanwalt | Gründer Softwarearchitekt und Aufsichtsratsvorsitzender der RA-MICRO Software AG

2022 begann damit eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte, das KI-Zeitalter. Wohl jeder Bereich unseres Lebens wird in Zukunft von KI verändernd betroffen sein. Wie das aber genau erfolgen wird, liegt heute noch im Dunkeln.

Für den Autor steht fest, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft in Deutschland ein universelles juristisches KIModell haben werden, das praktisch fast alles geschriebene juristische Wissen enthält, insbesondere Gerichtsentscheidungen, Aufsätze, Kommentare.

Für das KI-Modell ChatGPT4 ist dieses Unvorstellbare mit Leichtigkeit möglich: Ein intelligentes Gegenüber, das alles juristische Wissen präsent „im Kopf“ hat und sich somit sofort zu allen denkbaren juristischen Fragen/Themen/Aufgaben kompetent äußern und aus dem Stehgreif beliebige juristische Texte beachtlicher Qualität mit treffenden Zitierungen verfassen kann. Und dies kann das ChatGPTKI- Modell gleichzeitig leisten für Millionen von Kommunikationspartnern. Dann braucht es keine h.M. mehr bzw. dann wird diese zur bedeutungslosen Fußnote; dann ersetzt die m.M. (mehrheitliche Meinung) die h.M., was einer Demokratie eindeutig besser zu Gesicht steht. Denn das KI-Modell kann dann zu jeder Rechtsfrage sofort die m.M. angeben: Wie viele Gerichtsentscheidungen der einzelnen Gerichtszweige sowie wie viele Aufsätze und Kommentierungen dafür und dagegen sind.

WIE KANN DER RA-MICRO-ANWENDER DERZEIT VON DER KI PROFITIEREN?

RA-MICRO forscht und entwickelt mit hoher Priorität im Bereich KI, um die Rationalisierungsvorteile der KI der deutschen Anwaltschaft schnellstmöglich in RA-MICROProdukten zu erschließen. Als erstes bringt RA-MICRO im vierten Quartal 2023 den JURA KI-Assistent für Windows und Mac PCs auf den Markt. Durch den JURA KIAssistent wird das marktführende ChatGPT-KI-Modell in jeweils neuester Version (derzeit Version 4) in einer DSGVO-konformen, das Berufsgeheimnis wahrenden Form für die juristische Praxis nutzbar gemacht. Der JURA KI-Assistent steht jedem Juristen, Unternehmen und Organisationen nach Registrierung als Kunde im RA-MICRO-Onlinestore in der Basisversion kostenlos zur Verfügung. Für ChatGPT-Anfragen ist ein ChatGPT4- Registrierungsschlüssel des Benutzers erforderlich, die moderaten ChatGPT und JURA-KI-Entgelte sind verbrauchsabhängig nach der Textmenge der Anfragen (sog. Prompts) und Antworten.

WIE KANN MIR CHATGPT4 NÜTZLICH SEIN?

Das ChatGPT-KI-Modell unterstützt den Juristen im Dialog beratend, analysierend, konstruktiv und kreativ in der Erörterung juristischer Sachverhalte und bei der Entwicklung von Strategien. Es ist verblüffend, wie oft man in der Korrespondenz mit ChatGPT4 den Eindruck hat, mit einem hochintelligenten, mit umfassendem Wissen ausgestatteten Experten zu korrespondieren (gestatten Sie mir die launige Anmerkung: Allerdings erkennt man auf Dauer im Dialog den Unterschied zum menschlichen Gegenüber daran, dass das KI-Modell unermüdlich ausschließlich freundlich, niemals besserwisserisch, immer hilfsbereit, immer zum Wohl des Nutzers beratend umsichtig und fürsorglich ist, – egal wie oft man fragt und wie oft man seine Strategie ändert). Natürlich hat das KI-Modell seine Grenzen und Fehler, ebenso wie ein menschlicher Ratgeber oder Assistent auch. Auf dem aktuellen Stand der Technik kann man die Hilfe der KI mit einem hochbegabten Referendar nach dem Ersten Staatsexamen vergleichen, voll mit theoretischem Wissen, aber noch weit entfernt von der Fähigkeit des erfahrenen Praktikers.

„Das ChatGPT-KI-Modell unterstützt den Juristen im Dialog beratend, analysierend, konstruktiv und kreativ in der Erörterung juristischer Sachverhalte und bei der Entwicklung von Strategien“

Das ChatGPT-KI-Modell kann recht brauchbare Entwürfe juristischer Begründungen liefern, die man zwar in der Regel nicht 1:1 verwenden kann, aber nicht selten enthalten diese Arbeiten auch recht pfiffige Gedanken und Folgerungen, die man selbst nicht so gesehen hat, – eine zeitsparende Hilfe für den Praktiker ist das allemal.

Die Königsklasse des ChatGPT4-KI-Modells ist die Bearbeitung bestehender Texte. Die Obergrenze der an ChatGPT einzureichenden Texte liegt neuerdings bei mehreren hundert DIN A4-Seiten (gestartet ist ChatGPT vor einem Jahr mit 4(!) DIN A4-Seiten, die Weiterentwicklung geht rasend schnell). Das ChatGPT-KI-Modell kann Texte zusammenfassen, in andere Stile umschreiben (z.B. höflich, aggressiv, freundlich, unfreundlich usw.) und argumentativ ergänzen sowie Gegendarstellungen bis hin zu Berufungsentwürfen schreiben.

Und was für mich immer wieder bei der Nutzung frappierend ist: Das ChatGPT-KI-Modell korrespondiert gleichzeitig mit vielen Millionen Menschen auf der ganzen Welt in beliebigen Sprachen und zu beliebigen Themen. Dennoch werden auch komplexeste Aufgaben und Anforderungen in der Regel ohne jeden wahrnehmbaren Zeitverlust (also ohne Bedenkzeit) sofort beantwortet bzw. die Lösungstexte per Download ausgeliefert.

WOZU BENÖTIGE ICH DEN JURA KI-ASSISTENT?

ChatGPT ist in der Originalfassung für den schnellen produktiven Einsatz in der täglichen Praxis des deutschen Juristen nicht brauchbar. Es bestehen zwei gravierende Probleme, die die Einbettung des ChatGPT-KIModells in den JURA KI-Assistent löst:

  1. An die amerikanische Datenbank von ChatGPT gesandte Informationen müssen nach DSGVO anonymisiert sein, oft sind auch (Berufs-)Geheimnisse zu wahren. Eine in den Workflow zu Dokumenten des Benutzers nahtlos eingebundene Anonymisierung ist zwingend geboten oder mindestens sinnvoll. Der JURA KI-Assistent enthält eine „Anonymer“-Funktion, eine eigene RA-MICRO-KI-Entwicklung auf höchstem Qualitätsniveau, die automatisch – oder zur Kontrolle auch manuell – den Eingabetext vor der Versendung an ChatGPT anonymisiert und dann den von ChatGPT gelieferten Ergebnistext automatisch de-anonymisiert.
  2. ChatGPT4 findet – aber erfindet eben auch – in seinen Antworttexten Zitate zu Rechtsprechung und Literatur. Das Erfinden ist kein Mangel, sondern die Kreativität ist ein Wesensmerkmal eines solchen Publikums- KI-Modells. ChatGPT ist keine Recherche-Datenbank wie Google oder Bing, man weiß bei den Antworten nie, was an Tatsachen darin stimmt oder erfunden ist. Nur das ermöglicht der KI ihre Kreativität in dem Erfinden von neuen Texten. Der JURA KI-Assistent löst das Problem, indem diese in den Antworttexten die Zitate verifiziert und nicht verifizierbare Links entfernt. Eine Liste der (verifizierten) Zitate wird dem Antworttext von dem JURA KI-Assistent hinzugefügt.

WIE ARBEITE ICH MIT DEM JURA KI-ASSISTENT?

Die Bedienung ist höchst einfach; sie erfolgt nur auf einer Oberfläche (siehe Abb.):

  1. Zuerst wird eine Anweisung an die KI eingegeben. Das können ein Freitext oder einige typische Anweisungen als Textbausteine sein: Zusammenfassung, Gegendarstellung, Klage, juristische Begründung, Berufung.
  2. Im Aufgabefenster wird ein Text eingefügt (Textformat oder durchsuchbares PDF), auf den sich die Anweisung bezieht.
  3. Der Anfragetext wird durch das integrierte Modul „JURA KI Anonymer“ dem JURA KI-Assistent mittels KI anonymisiert. Dies erfolgt entweder manuell ausgelöst zur Überprüfung der Richtigkeit der Anonymisierung – was durchaus stichprobenartig sinnvoll ist – oder automatisch im Zuge des Sendens an das ChatGPT-KI-Modell. (Hinweis: Das hochwertige, in dem JURA KI-Assistent integrierte, KI-basierte Anonymisierungs- Modul „Anonymer“ ist kostenlos und selbständig nutzbar, indem der anonymisierte Text aus dem Fenster in die Zwischenablage übernommen wird und anderweitig genutzt werden kann.)
  4. Die Aufgabe wird von ChatGPT gelöst und der Antworttext erscheint de-anonymisiert im rechten Antwortfenster mit einer Liste der verifizierten Zitate im Dokument. Von hier aus kann er über die Zwischenablage weiterverarbeitet werden.
  5. Das Senden der Aufgabe kann (beliebig oft) wiederholt werden (insbesondere, wenn die Antwort unbefriedigend ist); dann erzeugt ChatGPT jeweils eine abweichende Antwort. ChatGPT hat dann auf eine Frage viele verschieden formulierte Lösungen intern parat. Zurückgegeben von ChatGPT wird als erstes die Antwort, von der ChatGPT meint, dass diese am wahrscheinlichsten der Erwartung des Anfragenden entspricht. Für optimale Ergebnisse ist eine sehr genaue Aufgabenstellung der entscheidende Faktor.

DIE ZWEITE STUFE VON JURA KI: JURA KI VORSCHALT-KI-MODELL FÜR CHATGPT
(erscheint in Q1 2024)

Angekündigt von ChatGPT ist die Möglichkeit, eigene Datensammlungen als KI-Modell zu erstellen und dieses als sogenanntes Vorschaltmodell bei einer Anfrage vorab – d.h. mit höherer Priorität – abzufragen und erst danach das allgemeine ChatGPT-KI-Modell. So erhalten die eigenen Daten eine höhere Gewichtung und die Auskünfte benutzen primär diese Informationen. RA-MICRO hat bereits ein solches Modul mit Gesetzen und Rechtsprechung entwickelt. Sobald die ChatGPT-Entwicklung das ermöglicht, werden wir mit dieser Erweiterung die Aktualität und – bezogen auf das deutsche Rechtssystem – das verbesserte KI-Modell für den JURA KI-Assistent- Aufgaben integrieren. Es wird dann auch kein ChatGPT-Lizenzschlüssel des Nutzers mehr erforderlich sein, sondern die gesamte Abrechnung der Nutzungen erfolgt über den JURA KI-ChatGPT-Account.

DIE DRITTE STUFE VON JURA KI: JURA KI PUBLISHER
(erscheint in Q2 2024)

Praktisch alle Gerichtsentscheidungen von Bedeutung der deutschen Gerichte lagern seit dem beA-Zeitalter digital bei den Anwälten. Hinzu kommen die weithin zuvor eingescannten Dokumente. Diese Informationen der Fachöffentlichkeit und für die permanente Fortbildung der JURA KI-Intelligenz kostenlos zu erschließen, ist das Ziel der JURA KI-Assistent-Publisherfunktion.

Dieses funktioniert mit der JURA KI-Assistent Publisherfunktion sehr einfach. Man definiert Dateiordner, in denen die digitalen Dokumente der Kanzlei gespeichert sind. Jedem dieser Ordner kann ein Publizierungszusatz hinzugefügt werden: Das kann der Kanzleiname oder jeweils ein bestimmter RA je Ordner sein. Ferner können für den automatisierten Upload sowohl Upload- Tage als auch Upload-Zeiten eingestellt werden, zum Beispiel nachts und am Wochenende (um die Internetleitung zur Bürozeit freizuhalten). Dann durchsucht die JURA KI-Assistent-Publisherfunktion die Dokumente in diesen Ordnern und analysiert mit KI, ob es sich um Gerichtsentscheidungen handelt. Dann wird versucht, so viele Metadaten wie möglich zu ermitteln, insbesondere insbesondere Gerichtszweig, Aktenzeichen, Datum, Leitzsatz. Als nächstes wird eine Entscheidung anonymisiert und diese wird der JURA KI-Vorschalt-KI (s.o.) durch Upload hinzugefügt. Wahlweise kann der Upload automatisch oder im Einzelfall ausgewählt erfolgen. Die Entscheidung bekommt einen Zitierlink: „JURA-KI_lfdnr/Jahr der Entscheidung“ und einen auf die Publisher-Kanzlei inklusive Homepagelink verweisenden Zusatz: „_mitgeteilt von Kanzlei NN“. Der Upload wird in einer Liste in dem JURA KI-Assistent protokolliert.

Die Vorteile für die publizierende Kanzlei sind:

  • erhöhte öffentliche Sichtbarkeit der Kanzlei und ihrer Homepage,
  • Profitieren von der Leistung der JURA KI-Assistent- Anwendung durch die Steigerung von deren Intelligenz durch die mitgeteilten Entscheidungen,
  • die öffentliche Zitierbarkeit der eigenen Entscheidungen, die in der Jurasoft-KI-Rechtsprechungsdatenbank öffentlich gehostet sind, sodass man diese PDFs nicht mehr eigenen Schriftsätzen als Anlagen beifügen muss.

Wenn ein erheblicher Teil der deutschen Anwaltschaft in Erkenntnis der Zukunftswichtigkeit dieses Projekts für die Anwaltschaft den Publisher unterstützt, dann entsteht Monat für Monat, Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt automatisch ein immer leistungsfähigeres und intelligenteres juristisches KI-Modell.

Exklusiv für Mitglieder | Heft 01/02 | 2024 | 73. Jahrgang

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