Vom Telex zu künstlicher Intelligenz
Stationen einer Juristenlaufbahn in bewegter Zeit
„PANTA RHEI“, HERAKLIT, 500 V. CHR. ODER „SE VOGLIAMO CHE TUTTO RIMANGA COME È, BISOGNA CHE TUTTO CAMBI“, GIUSEPPE TOMASI DI LAMPEDUSA, IL GATTOPARDO, 1958
Wir leben in einer turbulenten Zeit. Ein Blick zurück, die Verbindung zwischen eigenen beruflichen Meilensteilen während mehr als vierzig Jahren und (zufällig gewählten) Ereignissen in der Welt relativiert und unterstützt die Einordnung.

Dr. Felix R. Ehrat | LL.M. | Rechtsanwalt | vormals Senior Partner und Chairman Kanzlei Bär & Karrer AG, Zürich/Schweiz und Group General Counsel und Mitglied der Konzernleitung Novartis | Ehrat Advisory | Zürich/Schweiz
1982: Abschluss des Jurastudiums an der Universität Zürich – Falkland-Krieg im Südpazifik; Helmut Kohl wird deutscher Kanzler …
1985: Anwaltsexamen – Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow treffen sich in Genf zu ihrem ersten Gipfeltreffen …
1987: Start als Mitarbeiter in der Kanzlei Bär & Karrer in Zürich als Anwalt Nummer 14 – Börsencrash am „Schwarzen Montag“ des 19. Oktober 1987 mit Verlusten des Dow Jones von 22 %; Landung des 18-jährigen Deutschen Matthias Rust mit einer kleinen Privatmaschine auf dem Roten Platz in Moskau führt zur Bloßstellung der Sowjetunion; Beginn der ersten Intifada in Israel …
2011 (fast forward): Bis Ende September Senior Partner und Präsident des Aufsichtsrates der Schweizer Kanzlei Bär & Karrer AG mit zwischenzeitlich mehr als 250 Partnern1Der Einfachheit halber wird auf die Verwendung der weiblichen Bezeichnung verzichtet, wobei diese immer als inkludiert gilt. und Mitarbeitenden und, am darauffolgenden Tag, Start als Group General Counsel und Mitglied der Konzernleitung von Novartis, gemäß Börsenkapitalisierung damals eines der 30 größten Unternehmen der Welt, mit Verantwortung für mehr als 900 Juristen an global mehr als 50 Standorten – Nuklearkatastrophe in Fukushima (Japan); politische Erschütterung von Nordafrika und dem Nahen Osten durch den „ Arabischen Frühling“ …
2018: Ausscheiden aus Novartis – Khashoggi-Mord in Istanbul; Handelskrieg US – China; Beginn der vierten Großen Koalition mit Kanzlerin Merkel …
2019 ff.: Tätigkeit als Aufsichts- und Beirat, Universitätslehrer und Berater – Pandemie; Brexit; Kriege, unter anderem in Europa und im Mittleren Osten; Sturm auf das amerikanische Kapitol; erstmaliger Release von ChatGPT; Beginn einer bisher unvorstellbaren Nutzung künstlicher Intelligenz, begleitet von einer verbreiteten Angst vor tiefgehenden Disruptionen; enorme Fortschritte in Medizin und Wissenschaft; sich beschleunigende Staatsverschuldungen; Naturkatastrophen …
WAS HAT SICH GEÄNDERT – HAT SICH ETWAS GEÄNDERT?
Bei meiner Berufsaufnahme im Jahr 1987 in der schon damals renommierten Kanzlei erfolgte die externe Kommunikation über Telefon und Telex-Geräte. Jeder Anwalt hatte eine Sekretärin. Wichtigstes technisches Hilfsmittel war das Diktiergerät, das zu klarem Denken schon von Anfang an zwang. Dokumentenkopien wurden mittels (farbigen) Durchschlägen erstellt. Mobile Kommunikation existierte mit Ausnahme erster tragbarer Satellitentelefone nicht. In Amerika sprach man von einer revolutionären Technologie, die man E-Mail nannte, die aber erst in späteren Jahren umfassende Verbreitung fand.
Das Werte-, Berufs- und Geschäftsmodell freiberuflicher Rechtsanwälte entsprach im Wesentlichen dem traditionellen, althergebrachten Muster, das in Standesregeln und Anwaltsgesetzen kodi ziert war: Garantenstellung für den Rechtsstaat, Unabhängigkeit, Interessenvertretung, Berufsgeheimnis und Verschwiegenheit, Vermeidung von Interessenkollisionen, Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit in der Berufsausübung, Anstand und Respekt gegenüber Gerichten und Behörden und Kollegialität gegenüber anderen Anwälten. Verkauft wurde neben Qualität die auf dem Mandat verwendete Zeit; die «billable hour» war die Norm. Die Spezialisierung der Berufsträger machte nicht nur im angelsächsischen Raum, sondern auch in Europa schnelle Fortschritte. In Rechtsabteilungen von Unternehmen tätige Anwälte (Syndizi) wurden mit Skepsis betrachtet; der Chef der Rechtsabteilung war in Europa typischerweise nicht Teil der Leitungsebene des Unternehmens und seiner Wertschöpfung.
„Is it different this time?“ – Oft wird diese Frage unter dem unmittelbaren Eindruck von tiefgreifenden Ereignissen und Entwicklungen bejaht; im Rückblick ist sie meist mit Vorsicht und Zurückhaltung zu beantworten. Trotzdem: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass in Zukunft die Historiker über unsere Zeit als eine Periode tiefgreifender Paradigmenwechsel berichten werden. Dies gilt für nahezu alle Lebensbereiche: Gesellschaft, Geopolitik, Wirtschaft, Wissenschaft, Technologie, Demografie …
„Der Wandel hat in den letzten (wenigen) Jahren auch die Rechtsberufe mit voller Wucht ergriffen“
Der Wandel hat in den letzten (wenigen) Jahren auch die Rechtsberufe mit voller Wucht ergriffen: Kanzleien mit Milliardenumsätzen und Tausenden von Rechtsanwälten sind keine Seltenheit mehr und die Rechtsberatung ist ein „Business“ mit den oft harten Gesetzmäßigkeiten der Dienstleistungsindustrie geworden. Die Industrie beschäftigt sich oft ohne Plan mit den Auswirkungen künstlicher Intelligenz und großer Sprachmodelle auf den Kern ihrer Tätigkeit. Künstliche Intelligenz wird täglich genutzt.
Rechtsabteilungen zumindest in großen Unternehmen sind zum integralen Bestandteil der unternehmerischen Wertschöpfungskette geworden. Nicht nur in Kanzleien stellt vor allem die jüngere Generation den Umstand, dass der elektronische Austausch zeitverzugslos und im 24/7-Rhythmus erfolgt und kaum mehr ein Innehalten erlaubt, auf den Prüfstand. Die Beantwortung der Mail kann innert Minuten erfolgen und schon geht es weiter … Die Geschäftsmodelle verändern sich mit der oft vorausgesagten, nun aber tatsächlich stattfindenden Schwächung des Konzepts der verrechenbaren Zeit zu Gunsten alternativer Gebührenmodelle, der verfügbaren Technologie, dem sich abzeichnenden Eindringen von Private Equity in den Markt und des scheinbar ungebremsten Wachstums von Kanzleien, die bereits heute globale Milliarden-Konzerne sind. Kurzum: Die Unsicherheit über künftige Entwicklungen und ihre Dynamik hat auch den Rechtsberatungsmarkt erfasst, der während Jahrzehnten geradezu das Lehrbuchbeispiel für einen Bereich war, der eher durch inkrementelle Weiterentwicklungen als echte Innovationen glänzte.
„Rechtsabteilungen zumindest in großen Unternehmen sind zum integralen Bestandteil der unternehmerischen Wertschöpfungskette geworden“
Vieles hat sich damit seit meinen Anfängen als Anwalt im Jahr 1987 geändert. Zu dieser Erfahrung haben auch die sieben Jahre als Group General Counsel in einem globalen und hochkompetitiven (Pharma-)Unternehmen beigetragen. Das Faszinosum der Tätigkeit in der Kanzlei – die Beratung in immer wieder neuen Fragestellungen, der unbedingte Qualitätsanspruch, die Gestaltungsfreiheit als (scheinbar) selbständiger und unabhängiger Dienstleister, die Möglichkeit, auch in angrenzenden Bereichen wie der Wissenschaft oder in Berufsverbänden tätig zu sein – wurde in meinem Fall ergänzt durch die Erfahrung hoher Intensität und Schnelligkeit im Unternehmen, die Übernahme weitgehender unternehmerischer Verantwortung und die Erfahrung wirklicher Diversität in einem globalen Umfeld. Risikobehaftete Führungsaufgaben, die Bedeutung von Führung und Entwicklung von Mitarbeitenden und das Bewusstsein der gesellschaftlichen und politischen Relevanz eines globalen Großunternehmens wurden zu ständigen Begleitern. Damit wurde eine Tätigkeit, die noch zu Beginn meiner Berufslaufbahn im Vergleich zum Kanzleianwalt als tendenziell weniger selbstbestimmt, anspruchsvoll und prestigeträchtig angesehen wurde, zu einem Höhepunkt und integralen Bestanteil einer Gesamtlaufbahn, bei der alle Teile sich trotz unterschiedlichen Ausprägungen und Gewichtungen zu einem Ganzen zusammenfügten.
WAS BLEIBT BESTEHEN?
Ein langes Berufsleben lehrt Demut und Bescheidenheit. Erfolg ist bei Weitem nicht nur den eigenen Verdiensten geschuldet. Wichtig ist auch das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, und der Mut, sich eröffnende Chancen zu ergreifen.
„Bleiben wird, dass dem Neugierigen, dem Wissbegierigen, die Welt auch weiterhin gehören wird“
Bleiben wird, dass dem Neugierigen, dem Wissbegierigen, die Welt auch weiterhin gehören wird. Eindimensionalität ist ein Auslaufmodell; gefragt sind kompetente, rasch lernfähige Generalisten mit Spezialistenwissen, die die Gesamtübersicht bewahren, sich am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen und Trends und Szenarien zu beurteilen vermögen. Das ist besonders relevant in einer Zeit der enormen Beschleunigung und stetig zunehmender Komplexität, wie wir sie heute erleben. Die Bereitschaft, das heute Unwahrscheinliche, das morgen schon Realität sein kann, zu akzeptieren und damit umzugehen, ist erfolgskritisch.
Ohne Werte und Grundsätze gehen Systeme langfristig unter und Tätigkeiten verlieren ihre Relevanz. Auch wenn viele Bereiche des Rechtsberatungsmarktes heute zu einem Business mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten geworden ist, dürfen wir nicht vergessen, woher unser Beruf kommt: Das Dienen am Recht, die Bedeutung von Institutionen, Werten und Prinzipien und die Unabhängigkeit und Sensibilität gegenüber Interessenkollisionen sind systemrelevant, die auch gegen massiven äußeren Druck zu bewahren sind. Achtsamkeit gegenüber Erosionserscheinungen ist angesagt. Es bleibt eine besondere Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Staat.
„Ohne Werte und Grundsätze gehen Systeme langfristig unter und Tätigkeiten verlieren ihre Relevanz“
Das Recht, die Jurisprudenz, bleibt ein Traumfach. Noch nie gab es in dieser Disziplin so viele und unterschiedliche Opportunitäten und Chancen. Die Rolle des Lotsen in unsicherem Gelände ist brandaktuell. Viele Brennpunkte und Kon ikte, seien sie individueller, gesellschaftlicher, politischer, kultureller oder ökonomischer Natur, sind auszuhandeln. Dafür ist juristisches Denken prädestiniert.
In Kürze: Es war eine gute Entscheidung, damals vor beinahe fünf Jahrzenten!
- 1Der Einfachheit halber wird auf die Verwendung der weiblichen Bezeichnung verzichtet, wobei diese immer als inkludiert gilt.

