Wandel als Normalzustand
Definiert KI den Wert juristischer Arbeit neu?
Manche Übergänge sind leise. Niemand ruft laut: „Achtung, Zeitenwende!“ Doch der Wandel ist überall spürbar: In Tools, die uns zunehmend Routinetätigkeiten abnehmen. In regulatorischen Anforderungen, die uns immer öfter zwingen, Entscheidungen und Prozesse unter geänderten Rahmenbedingungen neu zu bewerten. In den Anforderungen an unsere Rolle, die kaum Zeit zur Neuorientierung lassen.
Der vertraute Rahmen, der die juristische Arbeit lange geprägt hat, bröckelt. Wandel ist nicht neu. Neu ist jedoch die Geschwindigkeit. Veränderung passiert heute auf vielen Ebenen gleichzeitig: Technologie, Regulierung, Geschäftsmodelle. Und sie ist kein Ausnahmezustand mehr, sondern scheinbar Dauerzustand. Wir werden nicht gefragt, ob wir bereit sind. Das Tempo wird von außen vorgegeben. Wir können mitziehen – oder riskieren, abgehängt zu werden.

Irene Waltersdorfer | Senior Legal Counsel/Group Privacy Officer bei TGW Logistics GmbH | Co-Autorin des 2024 erschienenen „Praxishandbuch Rechtsabteilung“ | Mit-Gründerin der Legal Counsel Academy | www.legalcounselacademy.at
Foto: © Carolin Anne Schiebel
KI ALS MOTOR DES WANDELS
Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel beim Einsatz von künstlicher Intelligenz. Noch nie war der Zugang zu juristischem Wissen so einfach. Während „Dr. Google“ einfache Fragen beantwortet, analysieren spezialisierte KI-Tools Verträge, bewerten Risiken und liefern Antworten in Sekundenschnelle.
Für uns Jurist:innen bedeutet das einerseits Entlastung: KI nimmt uns Aufgaben ab, die bisher viele Arbeitsstunden verschlungen haben. Andererseits holt sich das Business nun Antworten direkt aus den Tools, statt wie bisher die Jurist:innen einzubinden. Das Management erkennt: Viele Aufgaben lassen sich durch KI schneller und günstiger erledigen. Entscheidungen werden getroffen, bevor wir sie juristisch einordnen können.
Viele stellen sich daher die Frage: Was bleibt unser Mehrwert gegenüber der KI? KI kennt Daten, versteht aber weder zwischenmenschliche Dynamik noch Zwischentöne in Verhandlungen oder unausgesprochene Erwartungen von Stakeholdern. In komplexen Verhandlungen, unternehmensspezifischem Kontext sowie bei emotionalen oder mehrdeutigen Situationen bleibt unsere menschliche Empathie unser Vorteil. Aber es liegt an uns, diesen Vorteil gegenüber den Maschinen zu nutzen und aufzuzeigen. Und damit unsere Rolle entsprechend anzupassen und mitunter neu zu definieren.
HALTUNG STATT TECHNIK: SELBSTGEFÄLLIGKEIT ABBAUEN
Doch genau diese notwendige Veränderung fällt uns oft schwer. Wir verharren zu lange in unserer Komfortzone, denn: „Eigentlich läuft’s im Großen und Ganzen doch eh super bei uns!“ Eine nachvollziehbare, aber auch riskante Einstellung. Denn der Wandel passiert – mit oder ohne uns.
John P. Kotter betont in seinem Buch „Leading Change“ den Abbau von Selbstgefälligkeit als einen entscheidenden Schritt für erfolgreiche Transformationsprozesse. Das Wort trifft! Und doch können wir, wenn wir ehrlich mit uns sind, den Vorwurf nicht ganz von der Hand weisen. Allerdings ist diese Selbstgefälligkeit selten bewusster Stillstand, sondern oft ein Schutzmechanismus gegen die Überforderung, ständig mit Neuem konfrontiert zu werden und nur noch reagieren zu können. Das Festhalten am Gewohnten gibt vermeintlich Sicherheit.
So menschlich eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Veränderung auch ist, versperrt sie uns doch den Blick auf das, was der Wandel ermöglicht: die Chance, den Wert juristischer Arbeit neu zu definieren. Und zu zeigen, dass wir mehr sind als Paragraphen, komplexe Formulierungen und ein gewachsenes Selbstverständnis.
Nicht die Technologie ist das Hindernis (auch nicht die vielen neuen regulatorischen Anforderungen), sondern die Haltung: „Das haben wir doch schon immer so gemacht!“ Zukunftsfähigkeit beginnt mit der Bereitschaft, eigene Routinen und Rollen zu hinterfragen und aktiv neue Wege zu gestalten. Denn wer die Veränderungen versteht, kann Orientierung geben. Und wer bereit ist, sich selbst weiterzuentwickeln, wird auch in Zukunft relevant bleiben.
„Zukunftsfähigkeit beginnt mit der Bereitschaft, eigene Routinen und Rollen zu hinterfragen“
NEUE SCHLÜSSELKOMPETENZEN FÜR JURIST:INNEN
Wer seinen Platz am Tisch behalten will, braucht also definitiv mehr als rechtliche Expertise: das Verständnis für Technologien und die Bereitschaft, diese aktiv zu nutzen. Die Fähigkeit, Recht im größeren Zusammenhang zu denken – als Brücke zwischen Business, Technologie und Menschen. Und ein Gespür für Kommunikation, Prozesse und Dynamiken in komplexen Organisationen.
KI kann Informationen (Daten) strukturiert aufbereiten. Doch es sind wir Jurist:innen, die Rechtsnormen mit strategischen Unternehmenszielen verknüpfen. Denn Recht ist kein Selbstzweck, sondern Teil unternehmerischer Entscheidungsprozesse. Jurist:innen, die das erkennen, werden zu Architekt:innen von Lösungen.
Ein Beispiel: Nutzen wir KI zur Prüfung von NDAs, steigert das die Effizienz. Standardformulierungen lassen sich schnell erkennen, formale Auffälligkeiten automatisiert markieren. Doch um die Relevanz und Wirkung einzelner Klauseln im konkreten Unternehmenskontext zu bewerten, braucht es unsere juristische Erfahrung, unser Wissen über interne Abläufe, Entscheidungswege, vergangene Konflikte, strategische Zielsetzungen etc. Die KI hat keinen Zugang zu diesem impliziten Wissen.
Wenn wir Technik also klug einsetzen und Routineaufgaben automatisieren, bleibt uns mehr Zeit für das, was Maschinen nicht können: komplexe Verhandlungen führen, strategische Risiken abwägen, Brücken zwischen Menschen und Themen im Unternehmen bauen.
ZUKUNFT GESTALTEN STATT ABWARTEN
Relevanz ist kein Selbstläufer. Wer morgen noch mitreden will, muss heute die richtigen Weichen stellen, auch wenn das Ziel noch nicht klar ist. Zukunft gestalten bedeutet, Entwicklungen vorausdenken und Räume schaffen, in denen Neues entstehen kann. Das heißt für uns, näher ans Business zu rücken, Verbindungen mit und zwischen den Fachabteilungen herzustellen und aktiv Impulse zu setzen, statt lediglich auf Anfragen zu reagieren.
Glücklicherweise müssen wir diese Transformation unseres Berufes nicht alleine durchlaufen. Der Wandel betrifft alle und daher ist der Austausch mit Kolleg:innen so wertvoll. Niemand hat für all die Fragen, mit denen wir konfrontiert werden, ein Patentrezept. Im Teilen von Erfahrungen, im Blick über den eigenen Tellerrand, liegt ein unschätzbarer Wert: Man erkennt, was anderswo funktioniert, vermeidet Fehler, die andere schon gemacht haben und gewinnt Inspiration für neue Ansätze.
Deshalb brauchen wir Orte, an denen wir offen diskutieren, Perspektiven vergleichen und gemeinsam weiterdenken können. Immer mehr Räume entstehen, die auf offenen Austausch setzen – Netzwerkinitiativen, innovative Konferenzen oder auch unsere Legal Counsel Academy. Zwar gibt es auch dort keine fertigen Antworten, aber Impulse, die gemeinsam weitergedacht werden. Mögliche Lösungen, die miteinander erprobt und weiterentwickelt werden. Denn Transformation ist kein individueller Kraftakt, sondern Teamarbeit – über Unternehmens- und Kompetenzgrenzen hinweg. Und glücklicherweise erkennen wir Jurist:innen das nun immer mehr.
ZUSAMMENARBEIT IM WANDEL
Und so endet die Vernetzung nicht an den Türen der Rechtsabteilungen: Auch die Zusammenarbeit mit Kanzleien verändert sich spürbar. Wo früher Gutachten bestellt, geliefert und abgelegt wurden, entstehen heute gemeinsame Arbeitsprozesse. Virtuelle Räume, geteilte Daten und Tools sind längst Standard. Kanzleien sind nicht mehr Dienstleister, sondern Sparringspartner und auch Impulsgeber.
Gleichzeitig steigen die Erwartungen auch an diese Zusammenarbeit: alternative Abrechnungsmodelle, digital unterstützte Prozesse, pragmatische und unternehmerische Beratungsansätze. Kanzleien liefern nicht nur Antworten auf Zuruf, sondern helfen, juristisch tragfähige Lösungen zu entwickeln – effizient, praxistauglich, unternehmerisch.
„Vernetzung ist kein Nice-to-have, sondern Kernkompetenz von Jurist:innen“
FAZIT
Verändert KI unsere juristische Arbeit? Ja, grundlegend. Ersetzt sie uns? Nein – zumindest nicht diejenigen, die den Mut haben, alte Muster zu hinterfragen, neue Wege auszuprobieren und ihre Rolle und ihren Mehrwert immer wieder neu zu definieren.
Denn Jurist:innen bringen das mit, was Maschinen fehlt: den Blick für Zusammenhänge, das Gespür für Menschen und die Verantwortung, Entscheidungen nicht nur rechtlich korrekt, sondern auch unternehmerisch sinnvoll zu gestalten.
Es reicht nicht aus, sich die KI zunutze zu machen. Ein wesentlicher Teil unserer Transformation ist es, Brücken zu schlagen: zwischen Technologie und operativem Alltag, zwischen abstrakter Regulierung und konkreter Umsetzung im Unternehmen. Der Wandel lässt sich nicht aufhalten. Aber er lässt sich gestalten. Die Frage ist nur: Übernehmen wir das Steuer – oder werden wir gesteuert?

