Was Jura und Substack mit Vertrauen, Flexibilität und authentischer Sichtbarkeit zu tun haben

Von der Zuschauerbank im Gerichtssaal bis zur europäischen KI- und Urheberrechtspolitik bei Meta und warum ich im Berliner Anwaltsblatt über meinen Substack https://substack.com/@dieberlinerin schreiben darf

In meinem ersten Freundschaftsbuch, neben einem Glitzerfischsticker und einem Passfoto vom Schulfotografen, steht in meiner Erstklässlerschrift und mit mehr als einem Rechtschreibfehler: „Ich möchte Rechtsanwältin werden.“ Ich war sechs (!). Woher ich das hatte, war nie ein Rätsel: Meine Mutter, die genauso heißt wie ich, nur mit „k“ statt „c“ geschrieben, ist bis heute eine leidenschaftliche Rechtsanwältin im Familien- und Arbeitsrecht. Als kein Babysitter da war, setzte sie meine jüngere Schwester und mich mit nicht knisternden Süßigkeiten auf die Zuschauerbank im Gericht, während sie in Robe verhandelte. Ich war fasziniert von der Ernsthaftigkeit, ihrer Begeisterung und den alten, meist historischen Gerichtsgebäuden. Diesen kindlichen Wunsch, Rechtsanwältin zu werden, habe ich nie hinterfragt.

Benedicta von Rauch

Vor gut einem Monat habe ich auf LinkedIn geteilt, dass ich nach Jahren des juristischen und politischen Paper-Schreibens ab und zu auf meinem neuen Substack „Die Berlinerin“ veröffentliche, über Kunst, Kultur und Berlin, über das Berliner Leben jenseits der 35, und darüber, wie es ist, als ausgebildete Juristin in Europa in der Tech-Welt zu arbeiten. Das hat, ehrlich gesagt etwas überraschend, das Berliner Anwaltsblatt neugierig gemacht. Substack, was soll das eigentlich sein, und was hat das mit Anwaltschaft zu tun? Kurz zu Ersterem: Substack gilt manchen als das Instagram von 2012, eine Mischung aus E-Mail-Newsletter und Blog. Es erlaubt eine direkte Verbindung zu Leserinnen und Lesern ganz ohne Verlag dazwischen, und einige Autorinnen und Autoren leben davon richtig gut.

Und was hat das nun mit Jura zu tun? Jura ist das Fundament meines bisherigen, sagen wir mittellangen Lebens, auch wenn ich es heute nicht klassisch praktiziere. Vielleicht zeigt gerade mein Weg, dass ein Jurastudium mehr Türen öffnet, als man beim Einschreiben im ersten Semester ahnt, und dass gerade im Zeitalter der künstlichen Intelligenz Flexibilität und „Go-with-the-flow“ wesentliche Wegbegleiter sind.

„Die Berlinerin ist mein Versuch, in einer nach außen sehr toughen Jura-Politik-Welt ein bisschen Sichtbarkeit, Offenheit und, ja, auch Verletzlichkeit zuzulassen, und ganz nebenbei neue, spannende Begegnungen zu schaffen“

Direkt nach dem Berliner Abitur ging es für mich zum Jurastudium nach München, wie einst meine Mutter, die heute noch mit leuchtenden Augen von ihrer eigenen Münchner Studienzeit erzählt. Die ersten Semester verschwimmen zu einem Nebel aus WG-Gründungen, Oktoberfest und ersten Audimax-Vorlesungen. Was hängengeblieben ist: wie fremd mir das Fach war. Ich wusste schlicht nicht, wie man „Jura“ lernt. Jemand riet mir, einfach den „Medicus“ zu lesen, dann würde mir das Zivilrecht schon klar. Wurde es nicht. Ich kam bis Seite 20 und legte ihn beiseite. Irgendwann fragte ich mich ernsthaft, ob Medizin nicht die bessere Wahl gewesen wäre.

Damals habe ich einmal pro Woche einem Münchner Anwalt über die Schulter geschaut. Ich wollte eigentlich nur einen Ferienjob, aber er fragte, was ich in Jura schon könne, und schlug vor, ich solle ihm, wenn ich nicht nur kopieren wolle, einfach einen Tag pro Woche folgen. Er gab mir den klugen Rat, wenn mir Jura irgendwie Spaß mache, sei es die beste Denkschule der Welt, mit der einem alle Türen offenstehen. Er hatte recht. Zum Leben erweckt wurde das Fach dann in Münster, mit einem großartigen Kleingruppen-Repetitorium und Freundschaften fürs Leben. Mein Herz geht heute noch auf, wenn ich an Münster und den samstäglichen Wochenmarkt denke.

Nach einem – natürlich unbezahlten – Praktikum in New York bei Alston & Bird und einem knappen, aufregenden Jahr als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei White & Case in Berlin habe ich mich für das Referendariat in Berlin entschieden, meiner Heimat, und es immer als Privileg empfunden, dafür bezahlt zu werden, in verschiedenste juristische Berufe hineinzuschauen. Plan B war Richterin. Weil mir aber ständig gesagt wurde, was für eine tolle, kinderkompatible Idee das für eine Frau sei, habe ich diesen Plan aus reinem Trotz nicht ernsthaft weiterverfolgt. Meinen männlichen Jura-Freunden wurde dieses Argument, so viel sei angemerkt, nie serviert.

Nach dem zweiten Examen bewarb ich mich querbeet, unter anderem bei CMS Hasche Sigle in Berlin auf eine IP-Stelle mit Schwerpunkt Kunstrecht. Die Anwältin, die mich interviewte, erschien in einer stylischen pinken Hose, als käme sie geradewegs von einem Gallery Opening. Mir war sofort klar: So will ich auch werden. Kunst und Jura zu verbinden, das klang nach genau meinem Leben. Die großartige Kunstrechtsanwältin wechselte leider bald die Kanzlei, geblieben sind mir das Urheberrecht und meine private Leidenschaft für Kunst, die ich in Berlin vor allem über die Jungen Freunde der Nationalgalerie auslebe.

Von CMS führte ein kurzer Abstecher über PXR zu Axel Springer, wo ich in der Rechtsabteilung IT- und IPVerträge prüfen durfte. Hier beginnt sich der Kreis zu schließen. Dank eines Tipps meiner Schwester, die damals selbst als Chief of Staff für einen Vorstand arbeitete, begriff ich schnell, wie wichtig interne Vernetzung und Sichtbarkeit neben exzellenter juristischer Arbeit sind. Die vielen Mittagessen mit Kolleginnen und Kollegen außerhalb der Rechtsabteilung schärften meinen Blick für das mediale Geschäftsmodell, und führten wohl auch dazu, dass man an mich dachte, als ChatGPT kam und Axel Springer im Politik-Team jemanden suchte, der etwas von Recht versteht und, „gut mit Leuten kann“. Ich fragte erst einmal, was man in einem Politik-Team eigentlich den ganzen Tag mache, da ich keine Vorstellung hatte. Und es wurde nicht langweilig: die KI-Verordnung, damals in Brüssel verhandelt, mit dem Thema Urheberrecht mittendrin, das bis heute eine große Rolle spielt.

Zwei Jahre später wurde eine sehr ähnliche Position bei Meta ausgeschrieben. Acht Interviews später hatte ich ein Angebot, und seither tauche ich in die Welt eines der größten Tech-Unternehmen ein und verfolge das Thema Urheberrecht und künstliche Intelligenz in Europa weiter. Geplant war das nie. Aber Offenheit, viel Vertrauen darauf, dass der Weg das Ziel ist und authentische Sichtbarkeit haben geholfen. Wo ich in einem Jahr stehe? Vermutlich bei Meta, vielleicht in derselben Rolle, vielleicht hat mich die künstliche Intelligenz jedoch längst woanders hingetragen.

Die Berlinerin ist mein Versuch, in einer nach außen sehr toughen Jura-Politik-Welt ein bisschen Sichtbarkeit, Offenheit und, ja, auch Verletzlichkeit zuzulassen, und ganz nebenbei neue, spannende Begegnungen zu schaffen. Beim Spinning in Mitte hat mich neulich mein Rad-Nachbar auf den Newsletter angesprochen. Nächste Woche treffe ich eine Studentin, Oxford und TUM, die zu KI forscht. Und all das, weil ich mit sechs Jahren in ein Freundschaftsbuch geschrieben habe, dass ich Rechtsanwältin werden möchte.

Wer mehr lesen möchte: „Die Berlinerin“ erscheint auf Substack (Link: https://substack.com/@dieberlinerin), ich teile neue Ausgaben auch auf meinem LinkedIn (Link: https://www.linkedin.com/in/benedicta-vonrauch/).

Heft 11 | 2026 | 75. Jahrgang