Was soll der Sch***?

Sexismus beim DAT

Das FORUM Junge Anwaltschaft hat beim Deutschen Anwaltstag einen eigenen Stand. Der ist mittlerweile etabliert und Anlaufpunkt. Für die Regionalbeauftragten, für FORUMs-Mitglieder, generell für junge Leute. Er ist ein Safe Space. Zum Verschnaufen, zum Runterkommen.

Allan Böhner | Rechtsanwalt | Regionalbeauftragter des FORUMs Junge Anwaltschaft für Berlin | www.boehner.legal

Dass es einen solchen Ort braucht, wurde am ersten Präsenztag in Freiburg überdeutlich: Eine Studierende, viertes Semester, unterhielt sich gerade angeregt mit mir über Beruf und Ausbildung. Sie kann es sich gut vorstellen, Anwältin zu werden. Ob nun in einer kleineren oder größeren Kanzlei, in der Stadt oder auf dem Land, das müsse sie noch herausfinden. Für mich also die beste Situation: Denn das FORUM ist für Interessierte wie sie der perfekte Ort – über uns kann vermittelt werden, das Netzwerk ist groß.

Während des Gesprächs hatte ich im Augenwinkel den älteren Kollegen schon bemerkt. Er blieb an unserem Stand stehen, begutachtete die Banner, bediente sich üppig am ausgelegten Merchandise. Es handelte sich um einen Kollegen aus der sog. Boomer-Generation, mindestens Jahrgang 1965, Anzug, Krawatte, graues Haar, der sich auf einmal und ungefragt in das Gespräch einmischte.

Die Studierende, so warf er ein, solle es sich noch einmal überlegen. Immerhin würde sie ja kurz nach dem Berufseinstieg bereits das erste Kind bekommen, dann Jahre ausfallen, dann folge natürlich das zweite Kind und so weiter. Dann sei sie raus und wofür habe sich das Studium denn dann gelohnt? Für den Anwaltsberuf müsse man dranbleiben, da könne man nicht einfach so ausfallen. Lieber solle sie da in die Verwaltung gehen, da brauche es derlei Einsatz nicht, für Familien der perfekte Ort. Da gehöre sie hin, doch nicht in die Anwaltschaft.

„Sexismus ist Alltag vieler junger Juristinnen und Juristen“

Situationen wie diese sind alles andere als neu. Sexismus ist Alltag vieler junger Juristinnen und Juristen. Aussagen wie die vorgenannten werden nach wie vor offen und schamlos geäußert. Die Kommentare treffen nicht nur Studierende und Kolleginnen und Kollegen, sondern auch ranghohe Vertreterinnen und Vertreter im DAV, die Unglaubliches leisten. Ich wurde davon beim 2026er DAT mehrmals Zeuge –, das hier angeführte Beispiel war das krasseste. Zu meiner Scham war es auch das einzige Mal, dass ich eingeschritten bin –, leider ist man nicht immer schnell genug und die besten Antworten fallen einem erst später ein.

Neben der schlichten Tatsache, dass sexistische Aussagen wie die hier angeführten einfach falsch sind, sind sie auch gefährlich. Denn sie haben auf die Studierende einen ordentlichen Eindruck gemacht: In der Situation konnte sie kaum sprechen, war überrumpelt. Sie wird diese Erfahrung mitnehmen, wahrscheinlich Mitstudierenden davon berichten. Und wird damit einen Eindruck von unserem Berufsstand weitergeben, den gerade die Jüngeren unter uns so verbissen wie möglich ändern wollen.

So was darf nicht passieren. Derartige Mindsets haben auf einem DAT nichts, rein gar nichts zu suchen. Und was auch nicht passieren darf: dass diese Situationen ertragen werden. Kommentare werden geschluckt, Aussagen weggelächelt. Auch deswegen, weil natürlich sofort Sätze fallen wie „Hab dich doch nicht so“ oder „War doch nur Spaß“. Mit Sexismus will niemand zu tun haben, vor allem nicht die, von denen er ausgeht. Die Betroffenen und Zeugen lächeln das auch gerne weg – weil der Kollege geschätzt wird, weil man sich ja eigentlich mag, weil man nicht in die Konfrontation gehen will. Und wer glaubt, dass Sexismus nur von Männern ausgeht, irrt.

„So was darf nicht passieren“

Den Boomer habe ich übrigens des Standes verwiesen. Er steht mit seinen Ansichten gegen all das, wofür FORUM und DAV stehen. Die Studierende zog auch recht schnell ab, obwohl ich sie noch zu halten versuchte. Ob sie eine von uns wird, bleibt abzuwarten.

Brauchen wir deswegen einen DAT nur für junge Leute? Nette Idee, aber nicht zielführend. Wir brauchen den Austausch zwischen den Generationen. Und Sexismus gibt es auch unter den jungen Leuten zu Genüge. Was wir brauchen: einen DAT, bei dem Sexismus offen angesprochen wird, wo Betroffene und Zeugen sofort einschreiten. Denn die Herausforderungen der kommenden Jahre sind so gewaltig, wir können es uns schlichtweg nicht leisten, Sexismus in unserer Mitte zu dulden, der hält nur auf.

Wird sich durch diesen Artikel etwas ändern? Natürlich nicht.

Wird der nächste DAT sexismusfrei? Wahrscheinlich nicht.

Werde ich beim nächsten Mal schnell genug sein und einschreiten? Mit Sicherheit.

Heft 10 | 2026 | 75. Jahrgang