Wir Boomer – und die junge, bunte Zukunft des DAV

Eine lange Wunschliste für das Präsidium und den Vorstand

Der DAV ist ein großartiger Verein, rechtspolitisch ein wichtiger Player in Berlin und in Brüssel. Man schätzt die Stellungnahmen der vielen Fachausschüsse. Dort und in den Arbeitsgemeinschaften engagieren sich viele Kolleginnen und Kollegen tatkräftig im Ehrenamt. Die Geschäftsstellen in Brüssel und Berlin unterstützen die Ehrenamtler – zupackend und erfahren, begeisterungsfähig, oft mit Leidenschaft, ein besseres Team könnte man sich nicht wünschen.

Prof. Niko Härting | Rechtsanwalt | HÄRTING Rechtsanwälte PartGmbB | www.haerting.de | Niko Härting ist seit 2023 Mitglied des DAV-Vorstands.

Der Beitrag gibt seine persönliche Meinung wieder.

Dennoch gibt es dunkle Wolken. In vielen Vereinen sind die Mitgliederzahlen rückläufig. Weniger Mitglieder, weniger Beiträge, weniger Geld in der Kasse des DAV. Vorbei die Zeiten, in denen Kanzleien die Mitgliedsgebühren angestellter Kolleginnen und Kollegen ganz selbstverständlich übernahmen. Der Organisationsgrad in der jüngeren Generation lässt deutlich zu wünschen übrig.

An der Spitze des DAV dominieren Köpfe jenseits der Lebensmitte – die Generation der „Boomer“. Jüngere Role Models für ein Engagement im DAV? Es gibt sie, aber sie sind Mangelware.

Im Vorstand und im Präsidium des DAV regiert das Schneckentempo:

  • Überholte Strukturen: Die Strukturen an der Spitze des DAV sind verkrustet, viel zu viel hängt von der Person und dem Führungsstil der Präsidentin oder des Präsidenten ab. Welche Funktion der viel zu große Vorstand hat, ist unklar.
  • Überholtes Berufsbild: Der Anwaltsberuf hat sich im Laufe unserer Berufsjahre stark ausdifferenziert. Eine überzeugende Antwort haben wir nicht gefunden. Oft gilt der DAV als Organisation, die primär die Interessen von Einzelkanzleien und kleinen Sozietäten vertritt. Für angestellte Anwältinnen und Anwälte ist der DAV wenig attraktiv.
  • „Die in Berlin“: Als Dachverband der örtlichen Vereine bietet der DAV seinen Mitgliedern zu wenig. Die Vereine brauchen einen Dachverband, der mehr kann als gute Rechts- und Berufspolitik. Beim Kampf gegen den Mitgliederschwund fehlt es an tatkräftiger Unterstützung aus Berlin.
  • Überalterte Verbandsspitze: An den Schalthebeln des DAV sitzen im Ehrenamt mehrheitlich „Boomer“, geboren in den 1960er-Jahren, meist männlich, zudem „biodeutsch“ und heterosexuell.
  • Reformstau beim Anwaltstag: Der DAT 2026 in Freiburg sollte ein „Pilot-DAT“ werden. Übersichtlicher, mit mehr Gelegenheiten zum Netzwerken, bunter und attraktiver für Jüngere. Vom Konzept eines „Piloten“ ist nicht viel übrig geblieben.

DIE SCHWERFÄLLIGE STRUKTUR

Heaven for „Boomer“ – der aktuelle Zustand des DAV im Ehrenamt. Und als „Boomer“ sollen hier einmal Kolleginnen und Kollegen gelten, die in den 1960er-Jahren geboren wurden – die große Mehrheit im Vorstand und im Präsidium.

„An den Schalthebeln des DAV sitzen im Ehrenamt mehrheitlich ,Boomer‘, geboren in den 1960er-Jahren“

Fangen wir mit dem Präsidenten an. Er ist „Boomer“ wie seine Vorgängerin und sein Vorvorgänger. Derzeit gibt es fünf Vizepräsidentinnen und Vizepräsidenten – vier davon in den 1960er-Jahren geboren.

Das Präsidium ist das Exekutivorgan des DAV, § 26 BGB. Allein der Präsident hat das Vorschlagsrecht für die weiteren Mitglieder des Präsidiums – die Vizepräsidentinnen und Vizepräsidenten. Die Satzung verschafft der Präsidentin oder dem Präsidenten somit eine starke Position. Gut, wenn sie oder er mit einem überzeugenden Reformprogramm ins Amt kommt. Schwierig, wenn es an einem solchen Programm ebenso fehlt wie an Gegengewichten im Präsidium.

Zu den Aufgaben des Vorstands, der mit 28 Mitgliedern sehr groß ist, findet man in der Satzung des DAV nur vereinzelt Konkretes, eine Geschäftsordnung gibt es nicht. Über die Jahre hat es sich eingebürgert, dass der Vorstand das Präsidium wählt und ansonsten vor allem Berichte des Präsidiums und der Geschäftsstelle entgegennimmt. 28 Köpfe bräuchte es hierfür bei Weitem nicht.

Auch im Vorstand dominieren die „Boomer“ mit einer satten Zweidrittelmehrheit, jünger als 40 sind gerade einmal zwei Vorstandsmitglieder. Angestellte Anwältinnen und Anwälte lassen sich an deutlich weniger als einer Hand abzählen, der Anteil der Frauen ist rückläufig.

Sonderlich attraktiv ist das Vorstandsamt nicht. Bei der letzten Wahl gab es gerade einmal so viele Kandidatinnen und Kandidaten wie freie Plätze. Wer kandidierte, wurde auch gewählt. Bemühungen um einen jüngeren, vielfältigeren Vorstand? Fehlanzeige.

Der Vorstand müsste die Brücke sein zwischen den Mitgliedern – den örtlichen Vereinen – und dem Präsidium. Bei Weitem gefehlt: Der Vorstand ist derzeit ein überdimensioniertes Gremium mit unklarer Funktion. Man wird die Satzung ändern müssen: Schluss mit der Wahl viel zu vieler Vorstandsmitglieder nach dem Zufallsprinzip. Stattdessen ein deutlich kleinerer Vorstand, der aus Repräsentanten der Landesverbände besteht. Der verkleinerte Vorstand hätte dann eine klare Mission und eine sinnvolle Aufgabe.

DAS ANTIQUIERTE BERUFSBILD

Der Anwaltsberuf hat sich seit den 1990er-Jahren grundlegend verändert, der Kanzleimarkt nachhaltig ausdifferenziert. Nach wie vor gibt es viele Einzelanwälte und kleine Sozietäten mit einem breiten Beratungsspektrum. Wer dort jedoch tätig ist, übt seinen Beruf ganz anders aus als die Anwältin in einer internationalen Großkanzlei oder in einer hochspezialisierten „Boutique“.

Zu lange haben die Anwaltsvereine an dem Trugbild eines einheitlichen Berufs festgehalten. Ein „Berufsbild“, das in den 1990er-Jahren steckengeblieben ist. So wurde der DAV zu einem Verband, der vornehmlich Interessen der Kanzleien wahrnahm, die es bereits vor 30 Jahren gab: Einzelkanzleien und kleine Sozietäten.

Erst als große Wirtschaftskanzleien begannen, dem DAV den Rücken zu kehren, setzte ein Umdenken ein. Das Forum Wirtschaftskanzleien entstand – ein guter Anfang. Schon lange ist es jedoch an der Zeit, den Kanzleien eine eigenständige Mitgliedschaft im DAV zu ermöglichen, das eiserne Festhalten an einer Mitgliedschaft des einzelnen Anwalts und der einzelnen Anwältin im örtlichen Verein ist kurzsichtig.

Mehr als 80 Prozent der jungen Anwältinnen und Anwälte sind heute Angestellte – in Kanzleien oder als Syndici in Unternehmen. Diese Berufsgruppe ist in den Anwaltsvereinen krass unterrepräsentiert. Man würde meinen, dies müsse für den DAV ein Topthema sein, um neue Mitglieder für die Vereine zu gewinnen. Erkennbare Prioritäten? Fehlanzeige.

ABGEHOBEN: „DIE IN BERLIN“

Wer kandidiert, wird gewählt. Weder im Vorstand des DAV noch im Präsidium gibt es Gewähr für eine Repräsentanz der „Basis“. Im Vorstand und im Präsidium fehlt vielen die „Basiserfahrung“. Viele Mitglieder des Vorstands und des Präsidiums haben sich vor ihrem jetzigen Amt in DAV-Gremien engagiert, nicht jedoch in den örtlichen Vereinen. Schnell entsteht der Eindruck, es fehle an Gespür für die Bedürfnisse der „Basis“: „In Berlin“ sei man „abgehoben“.

„Beim Kampf gegen den Mitgliederschwund fehlt es an tatkräftiger Unterstützung aus Berlin“

Ein Vorwurf, der berechtigt ist. Wo sind eigentlich Schwerpunkte des DAV bei der Digitalisierung und dem Umgang mit künstlicher Intelligenz – Themen, die die Kanzleien und die örtlichen Vereine bewegen? Was hat man an Greifbarem aus dem Präsidium zur Digitalisierung, zu Legal Tech und zu KI in den letzten Jahren gehört? Rechts- und Berufspolitik sind wichtige Markenzeichen des DAV. Aber warum wird Leidenschaft nur bei politischen Themen spürbar, nicht aber bei dringenden praktischen Fragen, die die Vereine vor Ort bewegen?

ÜBERALTERUNG

Wir „Boomer“ fühlen uns meist jung (geblieben), sind es aber nicht. Schaut man sich die Schaltstellen des DAV an – Präsidium und Vorstand –, so haben wir zu wenig unternommen, um den Nachwuchs zu fördern. Das umtriebige und erfolgreiche Forum Junge Anwaltschaft darf durch seine Vorsitzende lediglich am stimmlosen Katzentisch des Vorstands Platz nehmen. Als Repräsentantin des Nachwuchses würde sie eigentlich als stimmberechtigtes Mitglied in das Präsidium gehören.

Das Thema Vielfalt schlummert ebenso vor sich hin. In den Großstädten haben mindestens 15 bis 20 Prozent der jungen Kolleginnen und Kollegen migrantische Wurzeln. In den Vereinen ist auch diese Gruppe krass unterrepräsentiert. Wo bleibt eine schlagkräftige Initiative des Präsidiums, Kolleginnen und Kollegen aus den türkischoder arabischstämmigen Communities als Mitglieder zu gewinnen?

DER ANWALTSTAG – EIN TREFFPUNKT DER FUNKTIONÄRE

Last but not least – der Deutsche Anwaltstag. Seit jeher ein Treffpunkt der Funktionstragenden. Ungefähr zwei Drittel der Teilnehmenden zahlen keinen Teilnehmerbeitrag, sondern nehmen kraft ihres Amts am DAT teil. Das Gros der Anwaltschaft findet den DAT nicht interessant. Als zahlende Teilnehmer kommen gerade einmal ein paar Hundert Kolleginnen und Kollegen zum Anwaltstag.

2026 sollte ein Jahr des Aufbruchs werden. Ein „Pilot- DAT“ in Freiburg. Übersichtliches Programm, viel Networking, attraktiv für jüngeres Publikum. So der ursprüngliche Plan. Ob es gelingt? Am Ende der Planung blieb nicht viel vom „Piloten“ übrig. Ein kleiner Facelift mit einem Programm, das wie gewohnt beliebig wirkt. Manche „Boomer“ scheint es wenig zu stören, wenn der DAT ein Insiderforum der Funktionäre bleibt.

WUNSCHKONZERT

Die Wunschliste für die nächsten Jahre ist lang:

  • Der DAV erkennt, dass die Bemühungen um den Nachwuchs mindestens die gleiche Priorität und das gleiche Engagement verdienen wie Themen der Rechtsund Berufspolitik.
  • Das Präsidium des DAV wird verjüngt, das Vorschlagsrecht des Präsidenten für die Besetzung des Präsidiums wird abgeschafft.
  • Dem Vorstand gehören höchstens 16 Mitglieder an, die von den Landesverbänden des DAV entsandt oder gewählt werden.
  • Durch eine Satzungsänderung erhält der Vorstand klar definierte Aufgaben. Er gibt sich eine Geschäftsordnung und wird zum Aufsichtsgremium, wacht kritisch und konstruktiv über die Arbeit des Präsidiums.
  • Kanzleien erhalten die Möglichkeit einer Direktmitgliedschaft im DAV.
  • Ein Forum Associates wird gegründet, das die Interessen angestellter Anwältinnen und Anwälte (einschließlich Syndici) vertritt und bei allen Stellungnahmen Gehör erhält, die die Interessen der Angestellten berühren (z.B. zum Arbeitszeitgesetz).
  • Das Präsidium unterstützt die örtlichen Vereine umfassend durch Handreichungen, Gesprächsrunden und Veranstaltungen zur Digitalisierung, zu Legal Tech und zum Umgang mit künstlicher Intelligenz.
  • Das Präsidium unterstützt die örtlichen Vereine intensiv bei der Nutzung von Social Media zur Kommunikation mit (potenziellen) Vereinsmitgliedern.
  • Das Präsidium unterstützt die örtlichen Vereine tatkräftig bei Vielfaltsthemen mit dem Ziel einer deutlichen Steigerung der Mitgliedszahlen bei Anwältinnen und Anwälten mit migrantischen Wurzeln.
  • In allen Gremien des DAV – insbesondere auch im Vorstand – wird eine deutliche Steigerung des Frauenanteils und eine ausreichende Repräsentanz von Angestellten sowie von Kolleginnen und Kollegen mit migrantischen Wurzeln erreicht.
  • Der oder die Vorsitzende des Forums Junge Anwaltschaft wird stimmberechtigtes Mitglied des Präsidiums.
  • Der Deutsche Anwaltstag wird zum zentralen Treffpunkt für jüngere Kolleginnen und Kollegen.
  • Der DAV wird sichtbar jung und bunt.

Heft 06 | 2026 | 75. Jahrgang