Zwischen Recht und Erinnerung

„Der Prozess des Hans Litten“ am Pfefferbergtheater

Am 10. November 2025 zeigte das Berliner Pfefferbergtheater im Prenzlauer Berg in Anwesenheit von Politund Showgrößen die Aufführung „Der Prozess des Hans Litten“. Es handelt sich um ein Stück, das die dramatische Biografie eines Juristen in den Mittelpunkt rückt, der in der Weimarer Republik die Prinzipien des Rechts verteidigte – und dafür einen hohen Preis zahlte. Berliner Jurist:innen dürfte der Name bekannt sein, befindet sich doch in der noch zu DDR-Zeiten nach ihm (um)benannten Straße in Berlin-Mitte das Amts-und Landgericht Berlin II (Mitte) sowie auch der Sitz des Berliner- und Deutschen Anwaltsvereins – im ebenfalls nach ihm benannten Hans-Litten-Haus.

Frank Venetis | Rechtsanwalt und Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht und Fachanwalt für Arbeitsrecht | WMR Fiedler & Venetis Rechtsanwaltsgesellschaft mbH | www.wmr-kanzlei.de

DER EDENPALAST-PROZESS 1931

Das Drama „Der Prozess des Hans Litten“ basiert auf dem englischsprachigen Stück „Taken at Midnight“ des britischen Autors Mark Hayhurst (2014) und dokumentiert Littens Auseinandersetzung mit der aufkommenden nationalsozialistischen Bewegung. Zentraler Bezugspunkt ist der Edenpalast-Prozess aus dem Jahr 1931, bei dem Hans Litten Adolf Hitler als Zeugen vorladen ließ, um die Gewaltakte der SA öffentlich zu machen. Litten wollte damals deutlich machen, dass der Überfall eines SA-Rollkommandos auf das überwiegend von linken Arbeitern besuchte Lokal „Eden“ von der Parteiführung der NSDAP organisiert und inhaltlich mitgetragen worden war. Im Laufe der Vernehmung konfrontierte Litten den Zeugen Hitler mit einer Schrift des Reichspropagandaleiters der NSDAP, Josef Goebbels, in welcher gefordert wurde, dass das Parlament auseinandergejagt werden solle, um die Macht zu ergreifen und die „Gegner zu Brei zu stampfen“. In der zeugenschaftlichen Befragung war Hitler durch die Fragen Littens in die Enge getrieben und blamiert worden. Es wird berichtet, dass der Name Litten noch Jahre später nicht in der Gegenwart Hitlers erwähnt werden durfte.

„Die Geschichte Littens ist ein eindringliches Beispiel für die Gefährdung von Rechtsstaatlichkeit unter totalitären Bedingungen“

Littens juristische Strategie zeigte, wie Recht als Instrument der Aufklärung eingesetzt werden kann, allerdings machte sie Litten damit auch zur Zielscheibe des Regimes. Nach der „Machtergreifung“ wurde er im Februar 1933 verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt, wo er 1938 in Dachau verstarb. Die Geschichte Littens ist ein eindringliches Beispiel für die Gefährdung von Rechtsstaatlichkeit unter totalitären Bedingungen und damit weltpolitisch gesehen durchaus leider (immer noch) aktuell.

ENSEMBLE UND PRODUKTION

Die Berliner Inszenierung zeichnet sich durch ihr großartiges Ensemble aus, wobei insbesondere die Produzentin des Stücks, Marion Elskis, hervorzuheben ist, die Littens Mutter Irmgard spielt, deren verzweifelter Kampf um ihren Sohn auch die menschliche Dimension des Unrechts sichtbar machte. Gerade ihre intensiven Dialoge mit dem Gestapo-Offizier Dr. Conrad (überzeugend gespielt von Jochen Gehle) entlarven die Unmenschlichkeit des Hitler-Regimes. Während die Mutter versucht, ihren Sohn aus der Gefangenschaft zu befreien, begleitet der Zuschauer Hans Litten in verschiedene Konzentrationslager. Eindringlich unterhält sich Litten mit seinen Zellengenossen Carl von Ossietzky (Journalist, Schriftsteller, Pazifist, Herausgeber der Zeitschrift „Weltbühne“) und Erich Mühsam (Schriftsteller, Publizist, Anarchist und Antimilitarist) und verhandelt hierbei sein juristisches Selbstverständnis und die generelle Standhaftigkeit seiner Haltung auch im Angesicht von Inhaftierung und Folter. Die dargestellten Gespräche der drei in Konzentrationslagern Inhaftierten lassen trotz der Umstände Humor nicht vermissen, was dem Stück neben der Darstellung allen Unrechts dennoch auch Hoffnung verleiht. Die Inszenierung von Marcus Kaloff war bereits in verschiedenen geschichtlich relevanten Orten mit Bezug zu Hans Littens Leben zu sehen, u. a. in der KZ-Gedenkstätte Lichtenburg Prettin oder in seiner Geburtsstadt Halle. 2024 wurde das Stück anlässlich seines 86. Todestages in der KZ-Gedenkstätte Dachau aufgeführt, also dem Ort, an dem Hans Litten ums Leben kam. Das Ensemble legt auch besonderen Wert auf Vorstellungen für Jugendliche, weshalb es zusätzlich zu den Abendvorstellungen auch regelmäßig Schulvorstellungen mit anschließenden Workshops gibt. Bisher konnten sich dadurch mehr als 3500 Schüler mit Themen wie Mut, Wut, Gewalt, Toleranz, Angst, Zivilcourage, Ausgrenzung und Demokratie auseinandersetzen.

JURISTISCHE DIMENSION

Besonders eindringlich waren Stellen, in denen Littens Selbstverständnis als Jurist zum Ausdruck kam. Im Stück heißt es zum Beispiel:

„Das Recht ist kein Instrument der Macht, sondern ihre Grenze.“

Ein weiteres Zitat unterstreicht Littens Auffassung der Verantwortung als Jurist:

„Wer Unrecht duldet, um Ruhe zu bewahren, opfert den Rechtsstaat Stück für Stück.“

Diese Sätze machen deutlich, dass Litten die Ausübung des Berufs als Rechtsanwalt nicht auf persönliche Karriere oder politische Neutralität beschränkte, sondern auch auf die Verteidigung des Rechtsstaates als moralische und professionelle Pflicht ausdehnte.

BEDEUTUNG FÜR DIE GEGENWART

Hans Litten ist nicht nur eine historische Figur, sondern ein Maßstab für juristisches Ethos heute: Recht ist nicht nur Technik, sondern Verantwortung. Sein Leben zeigt, dass juristische Professionalität Mut, kritisches Handeln und Unabhängigkeit erfordert. Gerade in Zeiten wachsender politischer Spannungen erinnert Littens Biografie daran, dass der Rechtsstaat auf Standhaftigkeit und Integrität seiner Akteure angewiesen ist. Für uns Rechtsanwält:innen bedeutet dies, dass Loyalität zum Gesetz nicht mit Anpassung an den Zeitgeist verwechselt werden darf.

„Recht ist nicht nur Technik, sondern Verantwortung“

„Der Prozess des Hans Litten“ bietet nicht nur ein beeindruckendes historisches Drama, sondern auch eine Reflexionsfläche für die ethische Dimension juristischer Arbeit. Litten bleibt Maßstab für Integrität, Mut und juristische Verantwortung – gestern wie heute.

HISTORISCHER HINTERGRUND

Hans Litten wurde als „Arbeiter-Anwalt“ bekannt, da er Arbeiter, die im März 1921 wegen organisierten Widerstandes gegen den vom preußischen Innenminister Carl Severing (SPD) befohlenen Polizeieinmarsch in die mitteldeutschen Industrieorte zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt worden waren, vertrat. Bei einigen gelang ihm eine Anerkennung als politische Täter, die damit unter das Amnestiegesetz aus 1920 fielen. Über einen Sozietätskollegen kam Litten mit der Roten Hilfe in Kontakt, einer von Wilhelm Pieck und Clara Zetkin gegründeten Selbsthilfeorganisation, die insbesondere in Zeiten von Streik und Arbeitslosigkeit notleidende Arbeiterfamilien unterstützte. Wie andere Juristen übernahm auch Litten Mandate der Roten Hilfe. Litten verteidigte in zahlreichen Verfahren Opfer von Polizeiübergriffen und nationalsozialistischen Überfällen, wobei er den jeweiligen Tatvorgang in einen politischen Rahmen zu stellen versuchte, um so die Methoden der Polizei bloßzustellen und die Verantwortlichkeiten bis in höchste Kreise aufzudecken.

DER EDENPALAST-PROZESS 1931

Das Drama „Der Prozess des Hans Litten“ basiert auf dem englischsprachigen Stück „Taken at Midnight“ des britischen Autors Mark Hayhurst (2014) und dokumentiert Littens Auseinandersetzung mit der aufkommenden nationalsozialistischen Bewegung. Zentraler Bezugspunkt ist der Edenpalast-Prozess aus dem Jahr 1931, bei dem Hans Litten Adolf Hitler als Zeugen vorladen ließ, um die Gewaltakte der SA öffentlich zu machen. Litten wollte damals deutlich machen, dass der Überfall eines SA-Rollkommandos auf das überwiegend von linken Arbeitern besuchte Lokal „Eden“ von der Parteiführung der NSDAP organisiert und inhaltlich mitgetragen worden war. Im Laufe der Vernehmung konfrontierte Litten den Zeugen Hitler mit einer Schrift des Reichspropagandaleiters der NSDAP, Josef Goebbels, in welcher gefordert wurde, dass das Parlament auseinandergejagt werden solle, um die Macht zu ergreifen und die „Gegner zu Brei zu stampfen“. In der zeugenschaftlichen Befragung war Hitler durch die Fragen Littens in die Enge getrieben und blamiert worden. Es wird berichtet, dass der Name Litten noch Jahre später nicht in der Gegenwart Hitlers erwähnt werden durfte.

„Die Geschichte Littens ist ein eindringliches Beispiel für die Gefährdung von Rechtsstaatlichkeit unter totalitären Bedingungen“

Littens juristische Strategie zeigte, wie Recht als Instrument der Aufklärung eingesetzt werden kann, allerdings machte sie Litten damit auch zur Zielscheibe des Regimes. Nach der „Machtergreifung“ wurde er im Februar 1933 verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt, wo er 1938 in Dachau verstarb. Die Geschichte Littens ist ein eindringliches Beispiel für die Gefährdung von Rechtsstaatlichkeit unter totalitären Bedingungen und damit weltpolitisch gesehen durchaus leider (immer noch) aktuell.

ENSEMBLE UND PRODUKTION

Die Berliner Inszenierung zeichnet sich durch ihr großartiges Ensemble aus, wobei insbesondere die Produzentin des Stücks, Marion Elskis, hervorzuheben ist, die Littens Mutter Irmgard spielt, deren verzweifelter Kampf um ihren Sohn auch die menschliche Dimension des Unrechts sichtbar machte. Gerade ihre intensiven Dialoge mit dem Gestapo-Offizier Dr. Conrad (überzeugend gespielt von Jochen Gehle) entlarven die Unmenschlichkeit des Hitler-Regimes. Während die Mutter versucht, ihren Sohn aus der Gefangenschaft zu befreien, begleitet der Zuschauer Hans Litten in verschiedene Konzentrationslager. Eindringlich unterhält sich Litten mit seinen Zellengenossen Carl von Ossietzky (Journalist, Schriftsteller, Pazifist, Herausgeber der Zeitschrift „Weltbühne“) und Erich Mühsam (Schriftsteller, Publizist, Anarchist und Antimilitarist) und verhandelt hierbei sein juristisches Selbstverständnis und die generelle Standhaftigkeit seiner Haltung auch im Angesicht von Inhaftierung und Folter. Die dargestellten Gespräche der drei in Konzentrationslagern Inhaftierten lassen trotz der Umstände Humor nicht vermissen, was dem Stück neben der Darstellung allen Unrechts dennoch auch Hoffnung verleiht.

Die Inszenierung von Marcus Kaloff war bereits in verschiedenen geschichtlich relevanten Orten mit Bezug zu Hans Littens Leben zu sehen, u. a. in der KZ-Gedenkstätte Lichtenburg Prettin oder in seiner Geburtsstadt Halle. 2024 wurde das Stück anlässlich seines 86. Todestages in der KZ-Gedenkstätte Dachau aufgeführt, also dem Ort, an dem Hans Litten ums Leben kam. Das Ensemble legt auch besonderen Wert auf Vorstellungen für Jugendliche, weshalb es zusätzlich zu den Abendvorstellungen auch regelmäßig Schulvorstellungen mit anschließenden Workshops gibt. Bisher konnten sich dadurch mehr als 3500 Schüler mit Themen wie Mut, Wut, Gewalt, Toleranz, Angst, Zivilcourage, Ausgrenzung und Demokratie auseinandersetzen.

JURISTISCHE DIMENSION

Besonders eindringlich waren Stellen, in denen Littens Selbstverständnis als Jurist zum Ausdruck kam. Im Stück heißt es zum Beispiel:

„Das Recht ist kein Instrument der Macht, sondern ihre Grenze.“

Ein weiteres Zitat unterstreicht Littens Auffassung der Verantwortung als Jurist:

„Wer Unrecht duldet, um Ruhe zu bewahren, opfert den Rechtsstaat Stück für Stück.“

Diese Sätze machen deutlich, dass Litten die Ausübung des Berufs als Rechtsanwalt nicht auf persönliche Karriere oder politische Neutralität beschränkte, sondern auch auf die Verteidigung des Rechtsstaates als moralische und professionelle Pflicht ausdehnte.

BEDEUTUNG FÜR DIE GEGENWART

Hans Litten ist nicht nur eine historische Figur, sondern ein Maßstab für juristisches Ethos heute: Recht ist nicht nur Technik, sondern Verantwortung. Sein Leben zeigt, dass juristische Professionalität Mut, kritisches Handeln und Unabhängigkeit erfordert. Gerade in Zeiten wachsender politischer Spannungen erinnert Littens Biografie daran, dass der Rechtsstaat auf Standhaftigkeit und Integrität seiner Akteure angewiesen ist. Für uns Rechtsanwält:innen bedeutet dies, dass Loyalität zum Gesetz nicht mit Anpassung an den Zeitgeist verwechselt werden darf.

„Recht ist nicht nur Technik, sondern Verantwortung“

„Der Prozess des Hans Litten“ bietet nicht nur ein beeindruckendes historisches Drama, sondern auch eine Reflexionsfläche für die ethische Dimension juristischer Arbeit. Litten bleibt Maßstab für Integrität, Mut und juristische Verantwortung – gestern wie heute.

Heft 03 | 2026 | 75. Jahrgang